Von der Diskontinuität

Die Illusion

In den tiefen unserer Seele – und das gilt insbesondere für uns Schreiber – sehnen wir uns nach Kontinuität. Die Tragik dieses Lebens besteht darin, dass sie nicht existiert.

Ich wünschte eines Tages den einen Gedanken niederzuschreiben, der mich selbst übersteigt, meine eigene Vergänglichkeit überlebt. Einen Gedanken oder eine Idee, die mich in anderen Menschen fortsetzt.

Doch dieses Ziel wage ich gar nicht zu träumen. Ich gebe mich bereits mit kleinerem zufrieden: Wenn mein eigenes Leben eine in sich geschlossene Geschichte darstellte. Meine Vergangenheit soll wie wir es aus Romanen und Filmen kennen in meine Gegenwart fließen und meine Gegenwart ihr Ziel in der Zukunft finden. Gemeinsam bilden sie ein großes Ganzes.

Die Wirklichkeit

Doch wie ich hier sitze und wie ich darüber nachdenke, dass kein Gedanke und keine Idee je nicht missbraucht werden könnte, wie inkonsistent Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft doch häufig sind, erkenne ich: Die Wirklichkeit wird von Diskontinuitäten bestimmt.

Meine Ideen setzen sich oft nicht einmal in mir selbst fort. Meine einst in melancholischer Stimmung formulierten Gedanken, so tiefschürfend sie auch gewesen sein mögen oder sich angefühlt haben, kaum streicht der erste frühlingshafte Sonnenstrahl über meine Haut, schon sind sie Vergangenheit. Plötzlich übernehmen andere Gedanken die Herrschaft über mich. Alles vergangene verschwimmt in einer blassen Erinnerung und löst sich bald in Vergessen auf. Die Person, die ich gestern noch gewesen bin, beendet ihre Existenz und wird zur Person, die ich heute bin. Und wechsele ich die Umgebung verwandele ich mich unter Fremden oder Freunden von einem zum anderen Moment wieder in eine neue Person. Zwar gibt es gemeinsame Fundamente, zwar kommt vieles wieder und wiederholt sich, aber es existiert keine ununterbrochene Linie der Kontinuität zwischen ihnen. Und so hört man mich mal dieses und mal jenes sagen oder denken oder fühlen.

Mein Leben ist kein Roman, er nimmt keinen kontinuierlichen Spannungsverlauf. Mein Leben ist vielmehr eine wilde Anhäufung verschiedener Kurzgeschichten. In diesen Kurzgeschichten tauchen Menschen, Gedanken, Gefühle, sogar Stärken und Schwächen auf und sie verschwinden wieder. In der Vergangenheit fand ich das eine gut, in der Zukunft habe ich dazu keinen Bezug mehr. Nur hin- und wieder wird in Zeiten der Reflexion und Erinnerung eine Brücke zwischen diesen Welten geschlagen. Aber mein Gedächtnis ist zu schwach hier eine einflussnehmende Verbindung zu schaffen. Über die Unterbrechung mancher Episoden bin ich sogar ganz glücklich und mag sie gar nicht mehr in die Gegenwart holen.

Wie kann da ein Gedanke oder eine Idee je fortgesetzt werden? In diesem Licht ist es kein Wunder, dass selbst im Namen Jesu oder Buddha Gewalt ausgeübt werden kann. Die Idee kann nicht einmal in einer einzigen Person je wirklich ununterbrochene Wirkung entfalten, wie dann über die Grenzen der Person hinaus in Personen, deren Gedanken sich ganz anders anfühlen, deren Gedankenwege ganz anders vernetzt sind.

Wie glaube ich in einer Welt der Diskontinuität?

Ist diese Wirklichkeit nicht ein großer Feind des Glaubens? Widerspricht sie nicht gar jedwedem Glaubenskonzept?

Ja und Nein. Sie erschüttert den Glauben, ja.
Denn gerade wir Christen glauben an eine Kontinuität, die sich sogar über den Tod hinaus fortsetzt. Unsere Geschichte wird als eine von Gott geschaffene, zu Gott führende, in Gottes Gegenwart endende Geschichte wahrgenommen. Der Christ glaubt an die ultimative Kontinuität, die ihre Erfüllung in der Ewigkeit findet.
Wir selbst sind die Fortsetzung der Person Jesus Christus, durch deren Geist wir ihm ähnlicher werden, in dem wir leben und geführt vom Heiligen Geist sein Leib sind, sein Werk in der Welt fortsetzen bis er in neuer Herrlichkeit wiederkehren und eine neue Erde und einen neuen Himmel schaffen wird.

Wie kann ich all das glauben und doch erkennen wie zerstückelt Gedanken, Ideen, Gefühle und mein ganzes Leben doch sind?

Ich lausche dem Gottesnamen: „Ich bin“ und denke mir nur „ich nicht“.
Ich bin mal dieses und mal jenes, die Welt ist mal dieses und mal jenes. Aber „Ich bin“ bin ich nicht. Doch wenn es „Ich bin“ gibt, dann ist ER das Stück, das uns verloren gegangen ist…
Mein Glaube bleibt damit ein Glaube auf Hoffnung auf etwas, das noch nicht ist, nicht auf das bereits Seiende. Und doch auf etwas, das in uns angelegt ist … von dem die Sehnsucht eine Vorahnung hat.

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Ein Kommentar zu „Von der Diskontinuität

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  1. Hmm, da denke ich jetzt schon drüber nach über den Text…ich kenne auf der einen Seite das auch, dass man Ideen hat, die man dann gar nicht verfolgt. Dafür verfolgt man Dinge jahrelang, die man gar nicht so ganz geplant hatte.

    Ein bisschen Kontinuität brauche ich z.B. in meinen freundschaftlichen oder familiären Beziehungen, Menschen, die mich schon ewig kennen tun sehr sehr sehr gut.

    Ich habe ein gutes Jahr im Kindergarten gearbeitet und fand es spannend, dass meiner Meinung nach der Charakter von Kindern schon ziemlich kontinuierlich besteht. Vielleicht sind Kinder noch unverfälschter in ihrem ganz persönlichen Element und Wesen.

    Als Erwachsene bin ich ja ständig gezwungen, von meiner eigenen Wahrheit abzuweichen, weil ich z.B. meinen Lebensunterhalt irgendwie verdienen muss, weil ich Verpflichtungen habe.

    Das Leben von Jesus z.B. war bestimmt nicht einfach, sehr radikal in seiner Zeit, gegen die gesellschaftlichen Normen und er wurde auch dafür gekreuzigt…ist für uns gestorben.

    Wir sind also schon erlöst, noch bevor wir sterben…oder?

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