Gottesoffenbarung

Spiritualität, Gott in meinem Leben …
…oder doch sola scriptura

Hier mache ich ein großes Fass auf, das für Außenstehende vielleicht nicht begreifbar ist. Und das auch kaum noch wirklich diskutiert wird. Wahrscheinlich ist es sogar gut so, denn viele moderne Gemeinden verbinden inzwischen beide Weisen auf eine natürliche Art und Weise. So sollte es tatsächlich sein. Aber historisch gesehen betreten wir hier ein großes Spannungsfeld.

Mit Martin Luthers Bekenntnis alleine die Bibel sei Grundlage christlichen Glaubens spalteten sich die heute protestantischen Kirchen ab von den theologischen Philosophien der katholischen Kirche. Hier galten auch die Aussagen von Päpsten und die kirchliche Tradition als unmittelbare Gottesoffenbarung und so entstand ein immer komplexeres und widersprüchliches Geflecht kirchlicher Dogmatik.

Wie schön wäre es gewesen, wenn es bei diesem einfachen Konzept geblieben wäre. Doch jeder Satz der Bibel stand nun offen für Inerpretationen. Und so individuell die Menschen, so individuell auch das Verständnis von der Bibel. Hinzu kommt ein Widerspruch zwischen gelebtem Glauben und der Verengung auf die Schrift. Denn ein Handeln alleine nach dem Buchstabe führt häufig in eine ziemlich lebensferne Form, das nicht über Lesen und Diskutieren hinausreicht. Glaube dagegen ist etwas, das gut auch ohne Lesen auskommt. Eine Form der Werkgerechtigkeit entstand, die ganz anders war als die bisherige Werkgerechtigkeit und doch von derselben Quelle. Das Werk der Auslegung, des korrekten Schriftverständnisses, das Werk des Verstandes. Ob es um das rechte Verständnis von Abendmahl oder von Taufe ging, oder ob es „nur“ um das Werk des vielen und häufigen Lesens ging. Es wurde über Glaube gestritten, gepredigt, Stunden mit dem Bibelstudium verbracht. Und der Nächste? Den sah man nicht. Da entsinne ich mich an die Annekdote einer Gemeinde, die stolz ist, dass in ihren 150 Jahren seit Bestehen nur 2 Mal das gemeinsame mittwöchliche Bibelstudium ausgefallen sei…als man von den Amerikanern bombardiert wurde. Gleichzeitig liegt nur 100 Meter vom Eingang ein Mahnstein. Hier lebte Lazarus. Er wurde in den 40ern von den Nazis deportiert und starb. Keiner der damaligen Gemeinde hat ihn je wahrgenommen, zu beschäftigt war man mit dem Lesen der Bibel.

Oft blieb also gelebter Glaube hinten an. Ein festhängen am Buchstabe birgt nämlich die Gefahr nur noch den Buchstaben zu sehen. Denn alles andere ist ja menschliches Ideengut und daher abzulehnen. Christlicher Glaube jedoch hat in seinem Zentrum keine Buchstaben, sondern eine reale Person: Jesus Christus. Ziel der Menschen, die sich auf dem Weg befanden, Ziel von Christen ist es nicht Jesus Worte auswendig zu lernen und Tag und Nacht zitieren zu können. Ihr Ziel ist es in Jesus zu leben. D.h. Jesus in sich aufzunehmen, Jesus ähnlicher zu werden und damit ganz nach dem Doppelgebot der Liebe in sich zuerst die Gemeinschaft mit Gott wiederzufinden und durch die Gemeinschaft mit Gott auch nach außen hin die Beziehung zu anderen Menschen heilen zu können. Gelebter Glaube kann nicht aus dem Buchstaben alleine kommen, er benötigt eine lebendige Beziehung zu Jesus. Und damit Spiritualität. Es braucht einen spirituellen Zugang zu Gott, neben und über die Schrift hinaus.

Doch dann drohen wir plötzlich auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Wo es Gottesoffenbarung jenseits der Schrift gibt, da kann es schnell auch Gottesoffenbarung im Widerspruch zur Schrift geben. Luther hatte es zu seiner Zeit mit der Ablasslehre der Kirche zu tun. Heute gibt es zahlreiche spirituelle Wege jenseits der Bibel. Wie viele esoterische Seiten existieren bereits, die eine spirituelle Begegnung mit Engeln und sogar Gott selbst versprechen. Die Bibel jedoch wird als Ballast gesehen und entweder schlicht ignoriert oder sogar ganz abgelehnt. Alleine die spirituelle Reise, die Erfahrung in mir, zählt. Vielleicht noch mein Handeln nach außen. Aber Schrift ist doch tot. Dabei driften sie immer weiter von dem Gott fort, von dem die Bibel erzählt. Es vermischen sich eigene Ideen und Wünsche mit ja durchaus realen spirituellen Erfahrungen. Es existiert keine Richtschnur mehr. Und damit entsteht ein Glaube, der anfällig für Allzumenschliches ist: Die spirituell Gereiften verlangen oft nicht gerade wenig Geld für ihre Dienste. Doch welcher wahre Prophet verlangt schon Geld? Es geht ihm doch nicht um sein eignes Ego! Sünde existiert dann plötzlich auch nicht mehr, wird manchmal gar gutgeheißen. Die Unterscheidung zwischen guten und bösen Geistern entfällt. Und damit ist man der geistlichen Welt orientierungslos ausgesetzt. Das kann auch zu sehr dunklen Erfahrungen führen.

Wie kann nun eine Vereinigung des Spirituellen mit der Bibel aussehen?

Da sind wir als Christen nun gefragt…
Wie lebe ich mehr als einen toten Buchstabenglauben?
Wie lebe ich ein reiches spirituelles Leben, von dem die Esoteriker nicht einmal eine leise Vorstellung haben.
Wie aber lebe ich gleichzeitig sola scriptura mit Gottes Wort in der Bibel?

Ich meine zur Bibel gibt es auch einen sehr spirituellen Zugang. Denn die Bibel ist ganz bewusst keine Sammlung theologischer Schriften. Paulus Briefe an die Gemeinden noch am ehesten. Er kommentiert konkrete theologische Fragen, die sich den Urgemeinden stellten. Aber 90% der Bibel besteht aus Erlebnisberichten. Was Jona, was Moses, was die Evangelisten mit Gott und im Neuen Testament mit Jesus und dem Heiligen Geist erlebten. Diese Erlebnisberichte sind ein spiritueller Ruf, der in meine heutigen Erlebnisse hineinhallt. Mein eigenes spirituelles Leben spiegelt sich in dem Leben der Propheten wider. Von der Not, die wir heute erleben können, schreibt David bereits in seinen Psalmen … aber nicht nur das, auch von der Antwort Gottes auf seine Tränen. Die Art und Weise wie Jesus mit anderen Menschen umgeht, inspiriert mich dazu mir etwas für den Umgang mit meinen Kollegen und Freunden zu überlegen.

Im Gebet oder in der Meditation kann ich Gottes Größe in mir erleben.
Aber ich werde von ihr nicht einfach umgeworfen und weggefegt. In der Bibel kann ich Worte finden, die mir vor diesem großen Gott Halt und Orientierung geben.
Erlebe ich dunkle spirituelle Erfahrungen, kann ich biblische Worte als Schutzschild verwenden, um mich vor ihnen zu schützen. Ich kann Alpträumen und Ängsten Worte der Zuversicht und der Rettung entgegenschleudern. Ich kann aus der Kraft biblischer Worte selbst Kraft schöpfen, um anderen Menschen liebevoll zu begegnen…obwohl ich verletzt worden bin. Ich kann die Verheißungen der Bibel so ernst nehmen, dass sie mir innerlich Kraft geben auch äußerlich tätig zu werden. Erst lese ich nur, dass Jesus uns gerettet hat, dann lese ich es noch einmal. Und noch bleibt es nur toter Buchstabe. Aber dann plötzlich schlägt es in meinem Herz ein: Jesus hat nicht nur Petrus gerettet und nicht nur ihm den Schlüssel zum Himmelsreich gegeben. Jesus hat auch MICH gerettet und auch mir den Schlüssel zum Himmelsreich gegeben. Wenn sich das in meinem Herz festsetzt öffnen sich auch neue Wege des Handelns, der Unabhängigkeit und der Spiritualiät.

In mir kommt zum Buchstaben eine spirituelle Erfahrung hinzu: Wie nahe ich Gott kommen kann. Aus der biblischen Verheißung der Errettung folgt das Niedersetzen in meinem Herzen und danach folgt die spirituelle Erfahrung der Nähe Gottes. Und dann kann daraus gelebter Glaube werden, der über den Buchstaben hinausgeht und doch den Buchstaben liebt und braucht. Der Buchtstabe bringt den Stein ins Rollen. Er bietet einen Anfangsimpuls, der mich auf den richtigen Weg zum Leben führt, er bietet Schutz vor äußeren und inneren Angriffen, Orientierung wenn ich verwirrt bin, Zuversicht in Hoffnungslosigkeit, Inspiration im Erkennen, dass andere Gläubige zuvor schon in ähnlichen Situationen waren… Aber er wird erst in spirituell gelebtem Glauben vollendet.

Beides gehört zusammen!

Dennoch würde ich nicht ausschließen, dass auch ich diesen Lazarus übersehen hätte. Auch ich bin gerne in meinen Gedanken eingesperrt. Wie selten sehe ich, was um mich herum geschieht. Aber ich glaube trotz allem, dass in der beschriebenen Vereinigung aus Bibel und Spiritualität etwas wahrhaft Umwerfendes entstehen kann…

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