Von der Seelsorge

Sie ist eine der bedeutensten aber unterschätztesten Disziplinen des christlichen Glaubens. Schon lange bevor es Psychotherapien gab gehörte es zum festen Bestandteil christlicher Gemeinden einen Seelsorgedienst zu haben. Zumeist waren das in vergangenen Jahrhunderten Pastoren, aber die Seelsorge muss nicht auf hierfür nur oberflächlich ausgebildete Pastoren beschränkt sein. Heutzutage sind es oft Christen mit einer psychotherapeutischen oder psychologischen Ausbildung. Sie verbinden bewusst ihre Ausbildung mit dem christlichen Glauben. Die Gemeinden setzen zunehmend neben pastoraler Seelsorge auf spezialisierte Seelsorge-Experten oder Seelsorgeteams, die zusätzlich zur pastoralen Seelsorge eine tiefergreifendere und längerfristige Form der seelischen Begleitung anbieten.

Zur Begriffsabgrenzung: Seele und Psyche sind nicht zwei verschiedene Dinge. Das Neue Testament verwendet das griechische Wort psyche, das im Deutschen mit Seele übersetzt wurde. Die biblische Seele/Psyche ist etwas weiter als die unreligiöse Verwendung von Psyche, aber hier möchte ich es Synonym verwenden.

Seelsorge gewinnt an Bedeutung, da psychische Probleme immer mehr an Überhand gewinnen. Bereits heute sind psychische Probleme die Hauptursache für längere Arbeitsunfähigkeiten. Die Ursache der Zunahme psychischer Störungen dürfte in einigen unguten gesellschaftlichen Entwicklungen liegen: Der Atomisierung zwischenmenschlicher Beziehungen, dem Auflösen von Familien, der Ökonomisierung der Gesellschaft und der Sexualisierung der Gesellschaft. Atomisierung bedeutet, dass Beziehungen immer mehr zerlegt werden. Im 19. Jahrhundert dominierte noch die Großfamilie und jedes Individuum war in das komplizierte Beziehungsgeflecht eines ganzen Dorfes eingebunden. Heute ist es im Extremfall so weit, dass viele ein einsames Leben als bloßes Individuum führen, ohne jedwede weiterreichenden Beziehungen – sexuelle ausgenommen. Die Familie wird schon seit langem angegriffen, obgleich ihr Schutz ein Grundrecht des Grundgesetzes ist, obwohl die Familie Keimzelle einer gesunden Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen bilden kann. Aber die Scheidungsraten und der politisch ausgefochtene Kampf gegen die Ehe sprechen für sich. Die Sexualisierung überflutet unsere Seele mit wirren Fantasien und unrealistischen Erwartungen, die seelische Verletzungen hervorrufen können. Beziehungen werden auf das Körperliche reduziert, worunter die Seele leitet. Falsche Erwartungen hinterlassen Komplexe, wenn die Realität eine ganz andere ist. Sie macht uns zunehmend bindungsunfähig. Was einst etwas Intimes war, ist nun eine Ware. Doch bereits Freud wusste schon, der Verlust des Schamgefühls ist das sicherste Anzeichen für Wahnsinn (und Freud war gewiss weit davon entfernt Christ zu sein).

Was ist das besondere Unterscheidungsmerkmal der christlichen Seelsorge im Vergleich zur säkularen Psychotherapie (die hier keineswegs verteufelt werden soll – solange der Therapeut offen für spirituelle Bedürfnisse und den Glauben seines Patienten ist, handelt es sich um kein entweder-oder)?

Die Distanz zwischen Seelsorger und Patient ist eine wesentlich nähere als zwischen Therapeut und Patient. Der Therapeut soll und muss eine kritische Distanz wahren, es existiert ein Machtgefüge zwischen ihm als behandelndem Therapeuten (eine Art Seelen-Arzt) und dem heilungsbedürftigen Patienten. Der christliche Seelsorger dagegen soll mit Gottes Hilfe seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen und mit ihm in einen offenen Dialog treten. Sie treten sich nicht als Arzt und Patient sondern als Christ und Christ gegenüber, der eine als helfender und der andere hilfesuchender Christ. Das verlangt natürlich wesentlich mehr ab. Denn im Gegensatz zum Therapeuten übt der Seelsorger nicht nur einen Beruf aus, er schlüpft nicht nur in eine antrainierte Rolle und folgt einstudierten Frage- und Analysetechniken. Er muss sich selbst als Person in das Gespräch investieren und öffnet sich selbst dem Hilfesuchenden. Dadurch kann er sehr tief greifen, ist aber auch selbst angreifbarer.

Die Seelsorge eröffnet außerdem eine Ebene, die der Therapie verschlossen bleibt. Die Therapie möchte weltanschaulich neutral sein (was jedoch paradoxerweise auch schon eine materialistische Weltanschauung voraussetzt). Das Problem dabei ist: Bereits C.G.Jung erkannte, dass Spiritualität oder das Bedürfnis nach Spiritualität ein zentraler Bestandteil der menschlichen Psyche ist. Spiritualität beinhaltet allerdings auch Fragen der Moral, der richtigen Lebensführung, der Weltanschauung, des Glaubens und Fragen der eigenen menschlichen Identität. Der Therapeut kann seinem Patienten in diesen Fragen nicht weiterhelfen, da er weltanschauulich neutral bleiben soll. Der Seelsorger kann dem Patient dagegen eine spirituelle Dimension anbieten: Er kann auf spirituelle Fragen reagieren, weil er als Christ ins Gespräch geht und nicht alleine ist. Er kann Gott ins Spiel bringen, er kann zu Fragen der Moral, der Lebensführung und der Identität versuchen eine Verbindung zwischen Hilfesuchendem und Gott herbeizuführen, die ihm als spirituelles Wesen helfen, so dass er auch spirituell einen Weg der Heilung einschlagen kann. Die Psyche wird nie ganz gesunden, wenn man kein gesundes Verhältnis zu seinem spirituellen Ich herstellt, und damit zu Gott.

Seelsorge ist eine der wichtigsten christlichen Dienste. Leider in der Wahrnehmung vieler Menschen viel zu wenig präsent.

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3 Kommentare zu „Von der Seelsorge

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  1. Ja, das stimmt. 🙂

    Im Übrigen: Seelsorge ist auch nicht nur etwas für Kranke. Seelsorge (die helfende Sorge um eines anderen Seele) beginnt bereits beim Gespräch unter Freunden. Wenn ein Freund zu mir kommt mit Liebeskummer oder Problemen bei der Arbeit, dann beginnt hier bereits Seelsorge.

    Seelsorge ist damit nicht so festgelegt auf bestimmte Formen, es ist nicht nur etwas für trainierte Profis und fängt nicht erst bei klinischen Krankheiten an. Es umfasst das ganze Spektrum vom freundschaftlichen Dialog bis hin zum therapeutischen Dialog.

    Aber es hat auch Grenzen. Bei extremen psychischen Störungen, insbesondere wenn diese auf organische Störungen im Gehirn zurückzuführen sind, hilft womöglich nur eine Psychatrie.

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