Eigen- und Fremdbild

Wie sehe ich mich? Und wie sehen andere mich? Und wer sieht mich so wie ich wirklich bin? Wer bin ich denn überhaupt?

Wir leben in einer Zeit, in der Identifikationsprobleme weit um sich greifen. Die Anzahl sog. Identitätsstörungen nimmt drastisch zu. Das hat etwas damit zu tun, dass Rollenbilder und Familien aufgelöst werden. Diese in der Vergangenheit vielleicht noch zu Recht als beengend empfundenen Strukturen wurden so weit bekämpft, dass im Fehlen von Grenzen plötzlich gar keine Struktur mehr vorhanden ist, an der ich mein Ich identifizieren könnte.

Gleichzeitig ist es objektiv durchaus sehr schwierig ein wirklich realistisches Bild von sich zu erstellen, an dem man seine Identität ausrichten könnte. Womöglich ist ein wahrhaft objektiver Blick gar unmöglich. Ein und dieselbe Eigenschaft wird nicht nur von mir anders wahrgenommen als von anderen. Auch Fremde nehmen es unter sich unterschiedlich wahr. Abstufungen lassen sich am Bekanntschaftsgrad festmachen, aber auch an unterschiedlichen Präferenzen. Natürlich nimmt mich meine Freundin im Positiven wie Negativen anders wahr als eine komplett Fremde, mein bester Freund mich anders als mein Chef. Sie achten auf andere Aspekte meiner Person, bewerten sie unterschiedlich, und kennen unterschiedliche Facetten unterschiedlich gut. Doch selbst zwei zu mir im gleichen Abstand stehende Personen, die über mich dasselbe wissen, kämen zu unterschiedlichen Ansichten. Denn ihre eigene Persönlichkeit spielt in die Wahrnehmung meiner Persönlichkeit mit hinein. Verbinden sie mit meiner Haar- und Augenfarbe gute oder schlechte Assoziationen, sind unsere Gesprächsthemen kombatibel, passen unsere Temperamente zueinander, wie wichtig sind uns Unterschiede oder Gemeinsamkeiten und bei welchen Themen,…

Erschwerend kommt hinzu, dass es Teile meiner Person gibt, die andere gar nicht an mir wahrnehmen können, mein ganzes Innenleben z.B. Und andererseits gibt es Teile meiner Person, die ich nur sehr schwer nacherleben kann, da meine Fähigkeit mich selbst als Fremder von außen wahrzunehmen an Grenzen stößt. Das Fremdbild kann ich in feedbackorientierten Gesprächen ertasten. Aber dafür braucht es sehr viel Mut. Und ich muss ein Gegenüber finden, das ehrlich Feedback gibt. Da wir Feedback nicht sehr mögen, bekommen wir in aller Regel nie genug von uns zurückgespiegelt. Da nur wenige Menschen so direkt sind ein wirklich offenes Feedback zu geben, findet eine Vorselektion der Personen statt, von denen wir überhaupt ein ungefiltertes Fremdbild gespiegelt bekommen. Natürlich können wir auch versuchen intellektuell an die Sache heranzugehen. Unsere Verhaltensweise auf Fremde projizieren und in einer Gedankensimulation versuchen zu evaluieren, wie wir uns selbst einschätzen würden, wenn der Fremde sich genauso verhalten würde wie wir es eben taten. Diese deduktive Methode hat Vorteile aber auch Grenzen.

Letztendlich kommen zu all dem aber noch entscheidende, spirituelle Fragen hinzu: Was stellen wir mit der Erkenntnis über uns selbst eigentlich an? Worin sehen wir den Sinn unserer Identität und damit den Sinn unseres ganzen Hierseins? Gibt es da eine Identität zu der unsere Identität hinstreben sollte? Kann unsere Identität mit einer höheren Identität verschmelzen? Wie ist Paulus Aussage vom alten und wiedergeborenen neuen Menschen zu verstehen? Ist die Erkenntnis meiner Identität ein Ende oder erst der Anfang in der Entwicklung hin zu einer Identität in Christus?

Advertisements

4 Kommentare zu „Eigen- und Fremdbild

Gib deinen ab

  1. Gott sei Dank bin ich inzwischen alt genug, dass es mir vollkommen egal ist, wie mich andere sehen 🙂
    Sei Du Selbst.
    Und ganz tief unten, unter all den Zwiebelschalen, Verhalten, Charakter, ist das Wahre Selbst und das ist Gott, unsere Wahre Natur, Das von wo wir kommen und das wohin wir gehen.
    Die Kamele kommen und gehen, aber da ist das, das bleibt.
    (Nix geben um die Kamele, ist ein alte Geschichte 😉

    Gefällt mir

  2. Ich stimme dem prinzipiell zu.
    Aber du hast wahrscheinlich schon ein recht realistisches Eigenbild. Du weißt wer du bist. Und kannst daraus Selbstbewusstsein gewinnen. Das ist für viele noch ein fernes Ziel.

    Ich habe es beruflich viel mit Vertrieblern zu tun. Da gehen die zwei aber so was von auseinander. Um gut verkaufen zu können muss man sich wohl ein „Ich bin der Größte“ Eigenbild einreden und versuchen das auf seine Kunden zu übertragen,bis die es einem glauben. Blöd wirds wenn man es selbst glaubt und jegliches Gespür fürs Fremdbild verliert.

    Und dann rede ich mit einer Freundin,die Kinder therapiert. Drastische Zunahme an Störungen der Selbstwahrnehmung.

    Und dann sehe ich mich an. Und auch ich bin noch lange nicht so fest wie du. Ich konnte aber durch meinen Glauben immer mehr zu mir finden.

    Gefällt mir

  3. Verzerrte Selbst-Wahrnehmung – Oh Ja! – ein weit verbreitetes Problem!
    Da kann man in persönlichen Beziehungen dran wahnsinnig werden, ich kann da ein Lied von singen… Das wird ja z.B. bei Ess-Gestörten und anderen psychischen Erkrankungen wie das Wort schon sagt – krankhaft….

    Zum Teil ist es eine Sache des Alters.
    Bei mir zumindest 😉
    Und vor allem: In sich gehen.
    Sich nicht fürchten vor der Begegnung mit sich selbst.
    Ehrlichkeit ist da so ein Wort…
    Und letztlich hängt ja irgendwie alles immer wieder mit dem Glauben zusammen … halt dich „einfach“ an die 10 Gebote – wer nicht lügt kommt dann doch irgendwie besser klar 🙂 🙂 🙂

    Gefällt mir

  4. Ein schöner und spannender Blog.
    Es gibt Menschen die sind mit 17 reifer und haben mehr Persönlichkeit als einige mit 66Jahren.Darüber mögen einige lachen-vielleicht auch lachen, weil sie gern von sich selbst ablenken und ihren Unsicherheiten.
    So erlebt am Dienstag in einem Seminar bei dem es um Rollenverständnis ging.

    In sich ruhen,sich selbst annehmen hat auch bei mir lange gedauert, wobei ich immer (schon als kleines KInd) ein großes Gottvertrauen hatte.

    Ich befürchte,rauszufinden wer wir sind ist ein Weg den wir gehen müssen und bei dem wir auch lernen müssen die Vergangenheit ruhen zu lassen.Ich für meine Person konnte mich erst finden als ich anfing mit meiner Vergangenheit versöhnt zu leben.Als ich anfing Fehler die sich in meiner Familie wiederholen zu begrenzen in dem ich mir Hilfe suchte und als ich anfing danach mich so wie ich bin zu lieben.

    Ich habe Fehler gemacht und an mir wurden viele Fehler gemacht,aber mich selbst auf meinem Weg gefunden.Fast 39 Jahre hat das gedauert und ganz sicher bin ich noch nicht mal ganz am Ende dieser Suche.

    Die Ansprüche an den Kindern unserer Zeit wachsen. Sie fallen in festen Rollen und dürfen das Spiel mit Rollen nur noch selten spielen-vielleicht liegt es daran, dass ihr Selbstbild verstört ist….aber frag mich als Nanny und Tagesmutter mal nach den Eltern…

    Und so schließt sich der Kreis…wer nicht in sich selber ist, wird sowas auch nicht vermitteln können.

    Danke, für diesen Blog

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: