Vom Ziel allen Strebens

In dieses wilde Getümmel drängte er sich. Menschen so weit das Auge blickte. Er konnte sich den vielen Leibern, die ihn von rechts und lings bedrängten kaum erwehren. Standhaft brauchte es all seine Muskelkraft, um sich durch die Menschenmasse zu drücken. Er hörte sich stöhnen vor Schmerz, aber langsam bahnte er sich seinen Weg nach vorne. Es war der reine Wahnsinn, was hier geschah. Hunderte oder gar Tausende mussten das sein. Noch nie hatte er so viele Menschen auf einem so schmalen Pfad gesehen. Aber es gab nur diesen engen Weg. Er wusste, es lohnte sich.

Dennoch, es stank nach vertrocknetem Urin und dem Schweiß all dieser ungebadeten Männer. Wenn er nicht daran von geschäftswegen gewöhnt wäre, er hätte wohl vor Ekel aufstoßen müssen. Fest kniff er seine Augen zusammen, fokussiert auf einen Punkt. Er musste vorwärts gelangen. Sie drängten ihn immer wieder zur Seite ab. Je weiter hinten man stand, desto weniger konnte man auch nur einen Laut verstehen. Mit Geschick konnte er sich zwischen zwei Bauern hindurchmogeln, die ihm bitterböse Blicke entgegenwarfen. Aber etwas schien ihre großen Pranken daran zu hindern ihn für seine Ungehobeltheit zu strafen.

Ein paar erste Worte echoten von den Hügeln ins Tal herab. Noch verstand er nicht, was gesagt wurde. Er musste weiter nach vorne. Sehen konnte er nichts, aber wenigstens hören wollte er etwas. Die Sonne stand hoch, keine Wolke war weit und breit auszumachen. Sie brannte nieder auf ihre Köpfe, es würde ihn nicht wundern sollte der ein oder andere unter dieser Hitze zusammenklappen. Sie waren wahnsinnig. Aber was dort auf dem größeren Hügel geschah lockte sie alle an. Er drängte weiter. Aus irgendeinem Grund war von der Masse plötzlich ein Raunen zu vernehmen. Entsetzen oder Entzücken, er wusste es nicht. Für solche Feinheiten war er nicht sensibel genug. Er wusste nur eines: Er musste dort nach vorne.

Und plötzlich öffnete sich ein kleiner Spalt in der Masse, nur eine enge Pforte gewährte ihm freie Bahn nach vorn. Das ließ er sich nehmen und preschte schnell hindurch. Ungewöhnlich gelenkig zischte er durch die letzten Hindernisse. Die Stimme wurde lauter, schien sich schier zu überschlagen. Seine Augen suchten verzweifelt nach jener einen herausragenden Gestalt. Er stellte sich einen großen, kräftgen Mann vor, der dort im Kriegsgewand stehen musste und mit vollmächtiger, autoritärer Stimme seinen Königsanspruch vortrug. Aber nichts dergleichen erblickte er. An der Stimme fand er ebenfalls nichts ungewöhnliches, wäre da nicht das Echo der anliegenden Hügel wäre sie nicht einmal sonderlich laut. Auf dem kleinen Berg stand nur ein einfacher Mann, bescheiden gekleidet und nicht einmal sonderlich ansehlich. Aber seine Worte ließen ihm das Blut in den Adern gefrieren…


„Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sinds, die auf ihm hineingehen. Wie eng aber ist die Pforte und wie schmal ist der Weg, der zum Leben führt. Wenige sinds, die ihn finden.
Seht ech vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, innerlich aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“

Er fiel auf die Knie. Er hatte es geschafft. Der Messias stand nur wenige Meter vor ihm!
All die Last der zerbrochenen Träume und all seine Schuld fiel von ihm. Sein Leben hatte sein Ziel gefunden.

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