Zwischen liberalen und frommen Christen

Ich möchte ganz vereinfachend den evangelisch-protestantischen Teil der Christen in Deutschland in zwei Teile einordnen. Und ich behaupte die eine Gruppe ist trotz der vielen Unterschiede erst mit der anderen Gruppe vollständig, zumindest mit deren von Gott gewollten Anliegen.

Die eine Seite nenne ich einmal die Weltverbesserer-Christen und die andere die frommen Christen.

Die Weltverbesserer tun häufig den zweiten Schritt vor dem ersten.
Sie versuchen durch ihr ganzes Tun ein Stück Himmel auf die Erde zu holen. Ein sehr nobles und sehr aktivierendes Ziel.
Dabei kommt aber oft nur am Rand vor, was es eigentlich benötigt um in den Himmel zu gelangen. Die Perspektive geht rein auf das Hier und Jetzt. Erlösung alleine durch Jesus Christus beschränkt sich auf das Glaubensbekenntnis.

Die frommen Christen tun den ersten Schritt und versuchen möglichst viele dazu einzuladen diesen ersten Schritt mit ihnen zu gehen. Aber dann bleiben sie einfach stehen.
Sie fokussieren sich auf heilsrelevante Themen. Erlösung ist ihre Triebfeder. Sola Christus wird in die Welt getragen. Die Welt selbst aber kümmert einen nicht, sie ist schließlich nur vergänglich und gar nicht der Mühe Wert. Hauptsache ich bin erlöst und kann viele zur Erlösung bringen. Was mit der Welt ansonsten ist, interessiert nicht. Dabei war es Jesus expliziter Auftrag Licht in der Welt zu sein und dass das Reich Gottes nicht nur ein Jenseitiges ist, sondern bereits durch Christen stückweise auf Erden erfahrbar werden soll.

Das tragische ist, diese zwei Fraktionen trennen oft Welten. Meinungsverschiedenheiten in der Bibelauslegung, manchmal gar nur in der Schwerpunktsetzung, oft nicht einmal sehr große, haben oft riesige Unterschiede in der politischen Bewertung zur Folge. So sind die Weltverbesserer-Christen politisch i.d.R. linksliberal eingestellt, die Frommen eher wertkonservativ. Diese politische Trennung verhindert, dass sich ihre Wege berühren.

Ich selbst bin ein seltsames Zwitterwesen. Vielleicht weil ich aus keinem sonderlich religiösen Elternhaus stamme und weder in die eine noch in die andere Richtung sozialisiert wurde. Ich bin in manchen Themen ausgesprochen konservativ und in anderen ganz bei den Weltverbesserern.

Sobald heilsrelevante Themen oder meine persönliche Lebensführung tangiert werden, stehe ich ganz bei den frommen Christen. Sicherlich geht man bei einigen Bibelstellen am Kern der Botschaft vorbei, wenn man sie allzu wörtlich auslegt. Aber die heilsrelevanten Bereiche, das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Jesus, die Notwendigkeit der Buße hin zu Jesus, sie dürfen nicht wegtheologisiert werden. Das ist Fundament meines Glaubens. Kein christlicher Glaube ohne Jesus Christus in seinem Zentrum. Das muss stehen, etwa wie Martin Luther es in den vier soli zusammengefasst hat. Auch bei Fragen der individuellen Lebensführung geht nichts an den Geboten vorbei. Oder Familie und Verbindlichkeit sind hohe Werte, auch gerade für unsere immer wert-losere Gesellschaft.

Beim ersten Schritt bin ich also ganz bei den Frommen. Aber tangiert ein Thema nicht nur mich, sondern auch andere, bin ich schnell bei den Weltverbesserern. Ich bewundere das Engagement, das sie für die Versöhnung mit anderen Kulturen oder in der Friedensarbeit leisten. Das tiefe Bewusstsein für Themen wie begrenzte Ressourcen in einer endlichen Welt. Den Weitblick nicht nur seine lokalen sondern auch die globalen Probleme, nicht nur das nächste Jahr sondern Herausforderungen der nächsten 50 Jahre zu thematisieren. Klar Stellung gegen Gewalt zu beziehen, sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, das ungerechte Mammon mit seinem ganzen System nicht nur theologisch sondern auch praktisch zu kritisieren, und sich Einwanderern und Flüchtlingen, Armen und Kranken anzunehmen. Auch hier blüht mein Herz auf und ich fühle wie der Heilige Geist jauchzt.

Ich bin theologisch ein Frommer und praktisch ein Weltverbesserer. Auch wenn zweiteres im Berufsalltag manchmal schwer zu verargumentieren ist und von anderen, z.B. betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten erdrückt wird. Denn das Ideal der Weltverbesserer kann manchmal die Welt sogar verschlechtern. Weil manchmal die Frommen in ihrer Weltvergessenheit doch Recht haben. Manche Ungerechtigkeit kann man auf Erden nicht überwinden. Und mancher Versuch (siehe Realsozialismus) hat ein noch viel schlimmeres Ergebnis hervorgebracht. Dennoch brennt mein Herz bei vielen ihrer Themen. Zwar schätze ich ihre Umsetzbarkeit längst nüchterner ein, aber ohne sie sähe es oft weit dunkler aus. Ein bisschen Licht sein ist ja auch schon ein Anfang.

Es braucht also irgendwo eine Mischung. Das Glaubensfundament muss stehen. Aber auch die Aktivierungsfähigkeit der Weltverbesserer, die Fähigkeit ihren Idealismus in praktische Taten umzusetzen, ganz unabhängig von abstrakten theologischen Gedanken. Aber auch der Realismus der Frommen, dass die Welt gefallen ist und zu einem gewissen Grad gefallen bleibt. Und die Bescheidenheit, dass Gott Gott bleibt und nicht der Mensch sich zum Gott erheben und die Welt neu erschaffen kann.

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3 Kommentare zu „Zwischen liberalen und frommen Christen

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  1. „Sicherlich geht man bei einigen Bibelstellen am Kern der Botschaft vorbei, wenn man sie allzu wörtlich auslegt.“
    Ich mag diesen Satz,
    denn hier habe ich aus meiner Sicht manchmal ein Problem mit den „Frommen“.

    Ja, die Mischung macht’s.

    Demut. zum Beispiel… gehört dazu, ist nicht gerade modern…

    Ich habe übrigens durchaus den Eindruck, dass es eine ganze Menge Menschen mit gesunder Mischung gibt.
    Meist fang ich den Tag an mit „Kirche in WDR 2“.
    Weiß nicht, ob eure Radiosender sowas auch haben.
    Da hört man viele verschiedene, evangelische wie katholische Menschen sprechen und oft ist es eine Mischung aus „weltlicher“ und „kirchlicher“ Sicht.

    Manche Themen finde ich auch schwierig, Familie z.B., die du ansprichst.
    Scheidung, gleichgeschlechtliche Beziehungen…

    Wichtig fände ich auf jeden Fall, in der katholischen Kirche den Zwang zum Zölibat abzuschaffen. Das sollte auf freiwilliger Basis geschehen.

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  2. „Ich mag diesen Satz,
    denn hier habe ich aus meiner Sicht manchmal ein Problem mit den „Frommen“.“

    Was für mich aber nicht heißt alles reininterpretieren zu können. Man muss sich schon die Frage stellen, was wollte der Autor damals eigentlich wirklich sagen.

    Was Familie etc angeht. Es gibt ein Ideal. Nach diesem zu streben ist ein lohnenswertes Ziel. Und die Kirche sollte diese Werte auch offensiv vertreten. Gerade weil die Menschen immer unverbindlicher leben – gleichzeitig aber auch immer einsamer und unglücklicher. Gottes Gebote wollen uns nicht quälen. Sie machen Sinn.

    ABER gleichzeitig sind wir alle fehlbar und verfehlen evtl. unser Ideal. Dann ist vor dem Kreuz bei Jesus IMMER Vergebung und Neuanfang möglich. Auch das muss die Kirche ermöglichen.

    Zum Zölibat. In der Bibel steht man soll gute Eheväter zum Bischof erwählen. Denn nur wer im kleinen (Familie) verantwortungsvoll handelt, sei auch fähig im Großen (Gemeinde) Verantwortung zu übernehmen. Daran wie jemand in der Familie sich verhält ließe sich am ehesten erkennen, ob er auch als Bischof geeignet ist.

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  3. Sehr schön, dein letzter Absatz (ich hab die Bibel nie ganz gelesen)

    Ansonsten plädiere ich dafür, dass Jesus noch mal vorbei kommt und uns seine Ansicht wissen lässt, inwieweit man die Bibel an die heutigen Verhältnis anpassen sollte 😉

    Wünsche dir ein wunderschönes Wochenende 🙂

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