Aufregende Empörungsgesellschaft

Wir empören uns schnell und intensiv. Ob es um die Abschaffung der Bundesjugendspiele geht oder die faulen Griechen, die mal wieder angekrochen kommen neues Geld aus uns herauszupressen. Die Aufregung ist psychologisch schon einmal ein wesentlich gesünderes und vitaleres Zeichen als noch die passive Lethargie, die uns vor 10 Jahren vorgeworfen wurde. Damals hieß es wir seien zu einer politikverdrossenen, gleichgültigen „Ich hab keinen Bock“, „nützt doch eh nichts“ Konsumenten-Gesellschaft verkümmert. Jetzt regen wir uns wenigstens wieder auf. Das ist doch schon einmal ein enormer Fortschritt!

Auch wenn diese Aufregung manchen dann doch schon wieder ein Dorn im Auge ist, da die Masse sich eben doch nicht über die Dinge aufregt, die der gemeine Politiker so gerne hätte. Da quillen dann all die Jahre unterdrückte Abstiegsängste empor und richten sich gegen neue Asylantenheime und andere noch schwächere Mitglieder unserer Gesellschaft. Oder da zeigt sich dann auf einmal, dass die große Masse ihr von Massenmedien und Politikern als antiquiert verteufeltes „traditionelles“ Familienbild eigentlich ganz lieb gewonnen hat und doch noch recht viele gerade im Schwabenländle ein christliches gegenüber einem beliebig-gemachten Menschenbild bevorzugen. Und so stehen dann in der Demo für Alle plötzlich Tausende auf der Straße, und das obwohl es um die dato doch immer so unspektakuläre Bildungspolitik geht. Dafür kann der gemeine Politiker bei seinen eigenen Lieblingsthemen auf große Menschenmassen lange warten.

Das Problem unserer Empörungsgesellschaft, die ja von Blogs mit befeuert wird, lässt sich am eindrücklichsten an den Blogs selbst illustrieren: Es ist ihre Kurzfristigkeit. Dieser Eintrag landet jetzt auf der Startseite ganz oben und in meinem Blog nimmt er die Spitzenstellung ein, die jeder Besucher als erstes sieht. Aber je mehr Zeit vergeht und desto mehr andere Beiträge ich und andere schreiben, desto mehr versinkt dieser Beitrag in der Masse an Einträgen. Mit jedem Eintrag rutscht er ein Stück nach hinten. Irgendwann ist er nicht einmal mehr auf der ersten Seite. Und nach einer erschreckend kurzen Zeit müsste man schon aktiv nach einem der Tags suchen, um diesen Eintrag wiederzuentdecken. Je lebendiger meine Aktivität und je lebendiger die blog.de-Gemeinde, desto kurzlebiger ist so ein Eintrag. Jeder Eintrag hat sozusagen ein vorbestimmtes Verfallsdatum, das umso näher liegt, umso aufgeregter unsere Empörungsgesellschaft ist, also umso vielfältiger und vitaler die Themen, über die man sich aufregen kann, und die Aktivisten, die sich aufregen.

Diese Kurzlebigkeit hat den unschönen Effekt, dass jede Aufregung nur ein Strohfeuer ist. Der Adressat unserer Aufregung, ob die Empörung gerechtfertigt ist oder nicht, muss eigentlich nur lange genug den Kopf in den Sand stecken, bis die Empörungswelle wieder abgeklungen ist. Das erinnert mich an manch cholerischen Lehrer aus meiner Schulzeit. Am Anfang war ein solcher Lehrer für uns Schüler noch sehr erschreckend, mit seinen plötzlichen Wutausbrüchen. Aber mit der Zeit begriffen wir, dass die Wutausbrüche ebenso schnell wieder abklangen wie sie angefangen haben. Und so bestand unsere Reaktion aus abwarten und nichts tun. Wenn wir nur die Geduld hatten auszuharren, ging der Wutausbruch ohne jedwede Konsequenz an uns vorüber.

Und eben diese Reaktion beobachten wir an unseren Politikern. Es ist kein Zufall, dass die Meisterin des Abwartens, die deutsche Dalai Lama der Geduld, Frau Merkel, unsere Kanzlerin ist. Und wenn unsere Empörung noch so gerechtfertigt ist, in wenigen Wochen hat bild.de eine neue Schlagzeile und das alte Thema ist graue Vergangenheit. Was interessiert mich meine Empörung von gestern?

Und so verändert sich auf lange Frist überhaupt gar nichts in unserem Sinne. Der Politiker harrt bei den unangenehmen Themen aus und wartet bis der Moment da ist seine Lieblingsthemen durchzubuxieren. Dabei sind manche Themen so wichtig, dass sie einer echten Konsequenz bedürften. Aber die große Masse hat – abgesehen von ein paar Aktivisten, die seit eh und je dafür kämpfen – nicht die Geduld den langwierigen und oft langweiligen politischen Prozess von Anfang bis Ende zu begleiten und jeden Monat aufs Neue zu controllen was aus dem Thema eigentlich geworden ist. Wieso denn auch? Wir haben ja alle Beruf und Familie und Hobbies, die uns persönlich wesentlich näher stehen. Und so ist bislang erst der erste Schritt heraus aus der Lethargie getan. Aber wir brauchen einen Plan nicht nur die Lethargie sondern auch die Kurzlebigkeit unserer Aktivitäten zu überwinden.

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