Meine Wahrnehmung bestimmt meine Realität

Was ich für wahr halte ist unmittelbar damit verknüpft, was ich als wahr wahrnehme. Meine Sinne nehmen abertausende Eindrücke auf und filtern sie entsprechend meiner synaptischen Schaltungen. Daraus ergibt sich ein 100% individuelles Bild von der Welt. Alleine zwei Faktoren formen meine Wahrnehmung zu einer einmaligen, sonst nicht mehr wiederkehrenden:

1. Ich sehe niemals das Ganze sondern immer nur den Ausschnitt der Wirklichkeit, der von dem Punkt, an dem ich stehe, empfangen werden kann.

2. Mein Empfangenes bleibt nicht ungefiltert sondern wird von meinem Gehirn interpretiert und ist von den Eigenschaften meiner Sinnesorgane abhängig.

Damit kann ich sicher sein, meine Realität wird von meiner Wahrnehmung bestimmt.
Diese Tatsache kann mich traurig, paranoid stimmen oder kann ich als Aufgabe verstehen.

Das Traurige daran ist, es gibt eine objektive Wirklichkeit, die ich in meiner subjektiven Blase nie vollumfänglich begreifen werde. Wie auch immer die tatsächliche Wirklichkeit aussieht, meine Wahrnehmung trennt mich von ihr. Und damit komme ich mit Leuten, die eine diametral verschiedene Wahrnehmung haben, möglicherweise niemals im Leben auf einen Nenner. Wir stecken in verschiedenen subjektiven Blasen und können die verbindende Wirklichkeit nicht wahrnehmen, solange wir unsere Blase nicht verlassen können. Unser Konflikt scheint unauflöslich.

Es kann mich paranoid stimmen, weil ich mich von mir betrogen fühle. Mich muss nicht erst jemand täuschen. Das tue ich schon selbst, in dem ich mir durch meine rein subjektive Wahrnehmung eine subjektive Blase errichte. Es ist mir unmöglich  die Wirklichkeit zu ergreifen, wie sie tatsächlich ist, außer vielleicht wertneutral in Form mathematischer Formeln – die aber die entscheidenden normativen Lebensfragen nicht beantworten können. Das heißt ich muss jede Wahrnehmung auf ihren Wahrheitsgehalt hinterfragen. Paranoid misstraue ich meinen eigenen Empfindungen, sogar meinem eigenen Denken und damit mir selbst und überhaupt der ganzen Welt. Zu allem übel bin ich dem Paradoxon ausgeliefert, dass auch die Paranoia vor meiner subjektiv-verzerrten Wahrnehmung selbst eine subjektive Blase ist.

Oder aber ich begreife es als Aufgabe. Das heißt ich mache mir die Erkenntnis meiner Subjektivität zu Nutzen. Ich begreife, dass insbesondere Gefühle wie Glück und Zufriedenheit subjektiv gebildet werden. In der Erkenntnis meiner subjektiven Wahrnehmung kann ich lernen sie zu kontrollieren. So wissen wir, dass Glücksgefühle dadurch entstehen, dass etwas besser ist als erwartet. Indem ich entweder meine Wahrnehmung so verändere, dass es als besser wahrgenommen wird, oder meine Erwartungen so setze, dass sie übertroffen werden müssen, kann ich mit mir ins Reine kommen und eine gelassene Zufriedenheit erreichen. Selbst Sexualität ist nun nichts Objektives mehr, dessen Erfüllung von messbaren Kriterien abhängig ist, vielmehr begreife ich es als etwas, das in meinem Kopf stattfindet. Und ich kann Einfluss auf die Wahrnehmungen nehmen, die sich in meinem Kopf abspielen. In dem ich an meinem Herz (d.h. Wille, Verstand und Gefühle) arbeite oder vom heiligen Geist an ihm arbeiten lasse, verändere ich meine Welt und wie ich sie empfange.

Doch wie löse ich dieses Spannungsfeld zwischen objektiver Welt und subjektiver Wahrnehmung auf? Gar nicht. Ich kann nur demütig werden. So viel Wissen ich über die objektive Welt auch aufgabeln kann, ich bleibe in meiner subjektiven Blase. Alle Aussagen der Bibel von der unbegreiflichen Größe der Schöpfung und unseres noch größeren Gottes bleiben bestehen. Vielleicht gibt es einen Grund, warum wir geschaffen wurden in unseren subjektiven Blasen zu leben. Die Erkenntnis des ganz Objektiven, war das nicht die Frage nach der Frucht, die uns die Schlange ins Ohr setzte? Sicher ist es nicht schlecht nach objektiven Wahrheiten zu suchen, gerade mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden. Aber es gibt einen Unterschied zwischen erlebter Wirklichkeit und deskriptiver Beschreibung von Fakten. Und können wir nicht erst im Subjektiven den Geist Gottes wirklich erfahren? Ist es nicht wunderbar, dass ich in mir ein ganzes Universum mit nur einem Gedanken schaffen kann? Bin ich nicht erst durch diese Fähigkeit Gottes Schöpferkraft nahe?

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Veröffentlicht in Leben
2 comments on “Meine Wahrnehmung bestimmt meine Realität
  1. ananda75 sagt:

    Auch interessant: Im Hirn passiert genau das Gleiche, wenn ich eine Rose sehe wie wenn ich an eine Rose denke…

    Die „Objektive Wahrheit“ werden wir nie wahrnehmen können, denn schon durch das Wahrnehmen wird das, was wir wahrnehmen durch unsere Wahrnehmung gefärbt.

    Ich denke jedoch, am nächsten kommen wir dem, was „wirklich ist“ umso leerer wird sind.
    Die „Positive Leere“, das „Selig sind die geistlich Armen“.

    Im täglichen ganz banalen Leben: Je weniger wir denken, finden, meinen, je mehr wir „einfach“ zuhören, hingucken, umso mehr kriegen wir mit von dem, was ist.
    Es ist ja ganz oft so: Menschen denken schon ihre Erwiderung, während der Andere noch spricht….

    Das Ganze kann man auch einfach nennen: Sei Jetzt Hier. und nicht morgen, gestern oder in Amerika.

    Das mit der Schlange stell ich mir eher andersrum vor. Das „Paradies“, das war die Eine Wahrheit, die Eine Wirklichkeit ohne Unterschiede.
    Die Vollkommenheit war vollständig, also wirkte sie wie Nichts.

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  2. Anton Viehhauser sagt:

    Ein weiterer Gedanke: Es ist nicht so, dass meine Wahrnehmung meine Realität bestimmt, denn dann sind die Folgen fatal. Aber meine Wahrnehmung ist MEINE Realität und ob diese mit der allgemeinen Realität übereinstimmt gilt es immer zu überprüfen und ggf. meine anzupassen oder auch nicht. Aber dann muss ich auch mit den Konsequenzen leben, die mein gegenläufiges Realitätsleben mit sich bringt. Tue ich dies nicht, werden unnötig und vorsätzlich Konflikte enstehen.

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