Wann wird aus Recht Unrecht

In unserem liberalen Staat steht die Freiheit ganz oben auf der Prioritätenliste.

Doch Freiheit ist nicht grenzenlos. Denn meine eigene Freiheit existiert nur in Verbindung mit der Freiheit des Anderen. Denn grenzenlose Freiheit wäre stets nur eine Freiheit des Mächtigen und Starken auf Kosten der Freiheit des Ohnmächtigen und Schwachen.

Um dieses Konzept der Freiheit zu verstehen zeichne man einen Kreis um sich selbst. Innerhalb dieses Kreises darf ich tun und lassen, was immer ich möchte. Doch die Kreislinie stellt eine Grenze dar, die ich nicht übertreten darf.

Ziel eines freiheitsliebenden Staats ist es bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen, d.h. optimale Kreislinien einzuzeichnen. Das optimale Ergebnis aus Sicht liberaler Politik wäre dort gefunden, wo der Kreis zwei mathematische Bedingungen erfüllt:

1. Maximiere die Fläche des Kreises = Maximiere die Freiheit

2. Kein Kreis darf einen anderen Kreis schneiden / überlappen.

Mit diesen zwei Bedingungen versuche ich einen Zustand zu finden, in der meine Freiheit am größten ist, ohne die Freiheit eines Anderen zu schmälern. Wir Ökonomen würden diesen Zustand pareto-optimal nennen. In dieser Utopie sind wir alle an einem Punkt, an dem keiner seine eigene Freiheit noch größer machen kann, ohne die Freiheit eines Anderen zu verkleinern.

Die ethisch-moralische Frage unserer Postmoderne scheint jedoch nicht mehr in dieser liberalen Theorie zu liegen. Diese war eher ein Streitpunkt des 19., anfangenden 20. Jahrhunderts. Im Grundgesetz ist sie tief verankert und uns in Fleisch und Blut übergegangen. Die heutige Zeit beschäftigt sich wieder fundamentaler mit der Frage, wer ist eigentlich mein Anderer/Nächster und wer ist es nicht.

Sie versucht die Grenze zu verwischen, nicht indem die in Fleisch und Blut übergegangenen grundlegenden Spielregeln freier Gesellschaften in Frage gestellt werden, sondern indem der Andere neu definiert wird. Ab wann beginnt und endet das Leben? Wann ist ein Mensch wirklich ein Mensch, mit allen Rechten und Pflichten? Sind z.B. ungeborene Menschen wirklich bereits menschlich? Sind sie es nicht, darf meine Freiheit (Selbstverwirklichung) die Freiheit des Ungeborenen überlappen. Sind sie bereits menschlich, habe ich auch ihnen zwingend Menschenwürde und ein Recht auf Leben zuzusprechen, das ich auch durch mein Recht zur freien Entfaltung meiner Persönlichkeit nicht schmälern darf. Sind Behinderte volle Menschen, selbst wenn ihr geistiges Bewusstsein niedrige Entwicklungsstadien nicht übersteigt. Dann ist behindertes Leben voll zu schützen und wir müssen eine gewisse Anzahl an behindert geborenen Menschen akzeptieren und statt sie zu verhindern ihre Integration fördern. Nur wenn ich ihnen das vollwertige Menschsein abspreche könnte ich auf Idee kommen Euthanasie als erstrebenswertes Ziel zu erachten und Behinderungen durch Methoden der Selektion möglichst frühzeitig auszumerzen. Gattaca (Science Fiction Film von 1997) wird leider zunehmend Realität. Und am Ende die Frage: Kann ich selbst mein eigenes Recht auf körperliche Unversehrtheit ablegen, wenn ich im Alter oder aufgrund von Krankheit Anderen eine Last werde? Kann ich meine Eigenschaft des Menschseins und die damit verbundenen Rechte widerrufen? Früher hatte dies die deutsche Rechtsprechung noch verneint (Urteil zum „Zwergenweitwurf“). Heute scheint es zunehmend bejaht zu werden.

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