Wer bin ich im tiefsten meiner Seele?

Unsere Seele – so glaube ich – ist etwas unbeschreiblich einmaliges, das tief in uns das Ich ausmacht, das wir sind. Diese Seele ist tiefer als das, was wir glauben, dass wir es sind. Tiefer als unsere Gefühle oder Erinnerungen. Denn sie ist da, ganz gleich in welchem Zustand wir sind.

Doch was ist es überhaupt, das mich zur mir macht. Wer werde ich in der Ewigkeit sein?

Ich denke zurück an die vielen Momente, die ich schon erlebte, die vielen Zustände, die ich durchlebte. Mein Erinnerungsvermögen ist nicht das beste, weswegen ich öfters im Jetzt lebe oder an die Zukunft denke. Aber je nach Stimmung überfallen mich hier und da die Erinnerungen an ein gefühlt ach so fernes Gestern. Ich sehe es wie einen Film vor mir, scharf und doch wie aus einer anderen Welt.

Das Gesicht der alten Frau erscheint wieder vor mir, in ihrem Bett liegend, eben noch freudig scherzend, jetzt steht ihr die Angst in den Augen. Die Franzosen kommen gleich, sagt sie. Ich soll die Türe schließen. Ich versuche sie nicht aus ihrer Fantasie zu wecken, sondern folge ihrem Rat. Sie atmet schwer und hofft, dass der Spuk bald vorüber geht.

Wenige Zimmer nebenan ertönt ein lautes Schreien. Kein Baby ist es, das nach Essen verlangt, sondern eine Frau mit über 80 Jahren. Wieder wie ein Kleinkind ist das Schreien ihre einzige Möglichkeit sich auszudrücken. Alle anderen Fähigkeiten, die sie in ihrem langen Leben erworben hat, sie sind unwiderbringlich verloren. Selbst die Erinnerung an ihren Sohn, der neben ihr sitzt und einen Trinkbecher in der Hand hält, ist bis auf die letzte verloschen. Wer mag sie einst gewesen sein, als sie vor 60 Jahren in meinem Alter gewesen war, zumindest dem Alter, das ich damals hatte.

Wer sind wir? Wer bin ich?

Das Baby, das den ersten Schrei tut, kurz nachdem es den warmen Mutterleib verlassen hat und grelles Licht seine empfindlichen Augen blendet? Der 40 jährige Mann, mit zwei Kindern, Frau und Hund, der auf dem besten Weg ist in eine Führungsposition befördert zu werden? Oder die 80 Jährige Frau, deren Persönlichkeit sich mit zunehmender Demenz immer mehr entfremdet, die aus Frust und Orientierungslosigkeit wild um sich schlägt und nur mit Mühe von ihrem Pfleger gebändigt werden kann?

Sind es die Erinnerungen, die uns zu dem machen, das wir sind? Wie vergänglich aber sind sie. Sie vermischen sich, können gar ganz verschwinden. Ein Geruch und ein Feuerwerk jagt durch mein Hirn, bringt mich zurück in längst vergangene Momente. Und am nächsten Tag kann ich nicht einmal mehr erinnern, was ich vor 10 Minuten tat. Oder sind es die Gefühle, die wir gegenwärtig empfinden? Doch so wankelmütig und unbeständig wie sie sind können sie nie mehr als Momentaufnahmen sein. Sind wir vielleicht nichts weiter als die unendliche Ansammlung tausender und abertausender kleiner Momente? Sind es die Gedanken oder Ideen, die einmal ausformuliert etwas beständiger sind, die wir in unserem Leben dachten, die kreativen Schübe, die uns hier und da durchwühlten, die von uns ins Buch der Ewigkeit geschrieben werden, um uns als Person dort festzuhalten?

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Veröffentlicht in Gedanken, Philosophie

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