Ich lasse mich fallen

Ich falle von einem Sockel rückwärts in das dunkle Nichts. So groß der Sockel war, so groß ist nun der Abgrund, der mich verschlingt. Dort oben wo die Sonne nur auf mich schien war ICH der größte, doch welches Urteil wartet auf mich da unten? Der Wind bläst mir um die Ohren wie ich da herab nach unten jage, lautes Gewimmel wie tausend Stimmen, die sich grell in meine Gehörgänge drängen.

Ich wehre mich im ersten Moment, versuche die Balance zu halten. Doch sie ist nur eine Illusion, schon längst ist sie mir abhanden gekommen. Ich glaube an MICH, darum halte ich den Sockel für riesig und mein Gleichgewichtssinn scheint mir unbezwingbar. Was ich nicht kann und nicht wage, mich in kosmischen Dimensionen zu betrachten. Ein kleines Staubkörnchen bin ich auf unserem Planeten, der kleiner als ein Elektron in einem Staubkörnchen im Verhältnis zur Größe des Universums ist.

Erst wenn ICH gedanklich schrumpfe, erkenne ich mich in meiner wahren Situation. Aber während jener Selbsterkenntnis war es schon zu spät, da fiel ich bereits herab vom Sockel. Und so rauscht nun der harsche Wind an mir vorüber, ehe ich da unten meinem Größenwahnsinn erliege.

In diesem Moment der Aufgabe aller Illusion und allen Größenwahns werde ich ganz ruhig. Ich denke nicht an den bevorstehenden Aufstoß und was er aus mir zu machen droht. Ich bin ganz da und vollkommen ruhig. Die Zeit scheint still zu stehen. In Zeitlupe höre ich das Pochen meines eigenen Herzens. Mein Atem entweicht in gleichmäßigen Takten. Die Sterne stehen hoch oben über mir am Himmel. Und der Wind weht laut und schwingt sich zu neuen Stürmen empor. Im Wind höre ich wilde, mich verklagende Stimmen. In mitten dessen ganz leise und zurückhaltend, aber voll tiefer Präsenz, da klingt – anders als jene – diese eine Stimme und ruft nach mir. Jetzt wo ich sie im Fall höre, nehme ich sie zum ersten Mal wahr, und doch war sie immer schon da gewesen. In diesem wachen Augenblick, zwischen dem Tick meiner schließenden und dem Tack meiner öffnenden Lider, klingt inmitten der tausend lauten Stimme diese eine leise … so klar und durchdringend als sei sie die einzig wahre Stimme unter tausend schiefen Imitationen.

Es ist eine Stimme wie ein dreischneidiges Schwert, die einzige auf dieser Welt, die wirklich real ist, wirklicher gar als die Realität selbst. So leise und doch größer als das Universum in seiner unvorstellbaren, aber gleichzeitig endlichen Größe. Ich falle und doch weiß ich … ich falle hinab in DEINE Hand. Ich bin ein Sandkörnchen auf dem Elektron eines Sandkörnchens des Universums und doch weiß ich … DU warst noch kleiner als ich und wurdest anschließend erhoben zur Rechten dessen gegen den das Universum nur ein Sandkörnchen ist, der es eines Tages neu erschaffen wird und den Kosmos mit seiner Herrlichkeit bedecken wie das Wasser die Meere.

….Und in dem Gedanken stoße ich auf dem Grund auf… auf DIR.

… Und werde mehr als ich je war, mehr als ich je zu träumen wagte…realer als die Wirklichkeit.

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Veröffentlicht in Blog, Geschichte, Philosophie
One comment on “Ich lasse mich fallen
  1. ananda75 sagt:

    Du sagst selbst das, was mir bei den ersten Sätzen in den Kopf kam:

    Du kannst nicht tiefer fallen, als in Gottes Hand.

    Und es is wirklich so: Wir müssen immer mal wieder fallen, ist wie ein Trampolin, ein Sprungbrett…

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