Politisches Christentum steht zwischen allen Stühlen

Ich habe mir einmal mehr Gedanken über das politische Rechts-Links-Schema gemacht. Mir ist dabei aufgefallen, dass ich als Christ in keine Schublade so richtig hineinpasse. Mein Weltbild ist so verschieden von den rein weltlich orientierten politischen Spektren, dass es Überschneidungen und Abgrenzungen zu allen Seiten gibt. Eine religiöse Rechte wie in den USA kann es eigentlich nicht geben. Eine solche Entwicklung kommt daher, wenn bestimmte politische Themen eine höhere Priorität bekommen als andere Themen, die der Christ dann oft  abseits der großen Politik im Ehrenamt seiner Gemeinde anpackt.

Überschneidungen zu Rechts

So gibt es Überschneidungen zum rechten, wertkonservativen politischen Flügel, wo es um das Thema Familie oder Lebensrecht geht.

So glaubt der Christ, dass der Ehebund etwas Heiliges ist. In dieser kleinsten Zelle zwischenmenschlicher Beziehung wird das Fundament für alle weiteren Beziehungen gelegt. Aus einer starken Zweierschaft zwischen Mann und Frau entsteht komplementäre Vielfalt, entsteht eine Familie, und auf ihr basiert Gemeinde und am Ende die ganze Gesellschaft. Es ist etwas Heiliges, weil sich in einer auf Treue, Vertrauen und vor allem Liebe gegründeten Beziehung die Treue und Liebe Gottes zu seiner Gemeinde widerspiegeln soll. Diese eheliche Liebe ist ein Wegweiser, die auf Gottes unendliche Liebe hinweist. Das macht den Christ politisch zum Verfechter von Ehe und Familie und zum Gegner von Gender.

Des weiteren glaubt der Christ, dass jeder Mensch von seiner Zeugung bis zu seinem Tod einen unendlichen, intrinsischen Wert beigemessen bekam. Er ist als Spiegelbild Gottes unendlich wertvoll. Niemand darf diesen Wert in Frage stellen. Die Würde des Menschen beginnt mit der Zeugung und endet niemals. Kein Mensch hat das Recht über das Leben eines anderen Menschen zu bestimmen, gleich in welchem Entwicklungsstadium er sich befindet. Nicht Leistung, Intelligenz, Alter oder sonst irgendeine Eigenschaft bestimmt den Wert des Lebens, sondern alleine seine Natur als Mensch und Geschöpf Gottes. Dieser Wert ist unabhängig von jedweder äußerlichen Eigenschaft und muss unabhängig von äußeren Bedingungen geschützt werden. Das macht den Christen politisch zum Abtreibungsgegner und zum Lebensschützer.

Überschneidungen zu Links

Auf der anderen Seite verbindet den Christ aber auch viel mit politisch links angesiedelten Idealen.

Das augenscheinlichste ist die Bedeutungslosigkeit von Nation und Volk. In Christus sind wir alle eins, ganz gleich welche Hautfarbe wir haben oder von welcher Herkunft wir sind. Wir sind alle Gottes Geschöpfe und Gottes Blick richtet sich auf die ganze Menschheit, nicht nur auf eine bestimmte Ethnie oder geografische Herkunft. So ist es nicht verwunderlich, dass es der bekennende Christ William Wilberforce war, der in England im 18. Jhd. für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte bis er sie nach Jahren des Misserfolgs tatsächlich endlich durchs Parlament brachte. Und es überrascht auch nicht, dass heutzutage gerade christliche Gemeinden sehr aktiv in der Flüchtlingspolitik engagiert sind. Man erinnere auch nur an des Papstes berühmte Rede in Lambedusa, in dem er uns alle daran erinnerte, wie Gott nun zu uns – wie einst zu Kain – ruft „Wo ist dein Bruder?“, während das Blut der ertrunkenen Flüchtlings (unseres Bruders) zu Gott schreit.

Auch verbindet Christen mit dem linken Lager die Herzensangelegenheit sozialer Gerechtigkeit. Die christliche Urgemeinde im 1. Jhd nach Christus war mit die erste westliche Organisation, die sich aktiv um die Armen kümmerte und versuchte für Bildung zu sorgen. In der damaligen antiken Welt war Bildung eine Sache der reichen Eliten und für die Armen hatte kaum einer Mitleid. Jesus Auftrag an seine Jünger dagegen war es, sich den Armen und Kranken und Aussätzigen anzunehmen. Denn Gottes Reich würde durch die Liebe seiner Nachfolger bereits im Hier und Jetzt beginnen. Also füttert die Hungrigen, heilt die Kranken, tröstet die Traurigen und beherbergt die Obdachlosen.

Und auch zu grünen Bewegungen gibt es Überschneidungen. Denn Gott hat die Menschen im Garten Eden als Bewahrer der Schöpfung eingesetzt. Sie sollten allem einen Namen geben und dafür Sorge tragen, dass es wächst und gedeiht. Der Mensch war nicht nur als schmückes Beiwerk geschaffen worden, sondern als Gehilfe Gottes, dass er die Schöpfung in Gottes Sinn verwaltete und ebenso schöpferisch tätig würde…ein starkes Motiv für Umweltschutz.

Wo steht nun also der Christ politisch?

Rechts-konservativ bei den Abtreibungsgegnern?
Links bei den Refugee-Welcome-Aktivisten?
Grün bei den Rettern des Regenwalds?

Die Frage an sich ist falsch.

Die entscheidene Frage ist doch: Wo steht Gott?

Und da steht auch der Christ. Und je nach Thema stehen mal linke Nicht-Christen, mal Konservative und mal Grüne gegen ihn auf der anderen Seite … oder mit ihm auf derselben Seite.

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Veröffentlicht in Blog, Philosophie, Politik, Theologie

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