Religion ein Mittel zur Unterdrückung?

Aus Marxs Position Religion sei Opium des Volks wurde Lenins  Interpretation Religion sei Opium für das Volk. Und damit hatte man sich ein neues Feindbild geschaffen, das vermutlich von keinem so effektiv verfolgt worden ist wie es einst Mao mit Buddhisten, Christen und Religion im Allgemeinen getan hat.

Die Argumentation lautete folgendermaßen: Die Religion verhilft ihren Würdeträgern (Priestern, Mönchen,…) zu Ansehen und Macht. Diese wiederum steckten – da Macht nunmal korrumpiert – mit der Politik in einem Bett, welche wiederum ihrerseits von Kapitalisten und ihrem Geld gekauft sei. Auf diese Weise entsteht ein Unterdrückungsregime, das auf politischer, wirtschaftlicher und weltanschaulicher Ebene den Menschen in Gefangenschaft hielte. Die Religion deckt das letzte Stück ab, das sich der Kapitalist nicht mit Geld erkaufen kann. Sie ist daher das gefährlichste von den Dreien.

Das Traurige an dieser Aussage ist: Es steckt eine Kernwahrheit darin!

Wer schon die Mechanismen von Sekten erleben konnte – und ich weiß wovon ich rede – sieht wie leicht Religion missbraucht werden kann. Man denke nur an die Geschichten der Päpste des Mittelalters, die sich mehr als Politiker oder gar Feldherren verstanden und teilweise mit dem Glauben gar nichts anfangen konnten. Es gibt zahlreiche Beispiele, wie Religion missbraucht werden kann.

Doch auf der anderen Seite sehen wir Leute wie Wilberforce, der gegen den Widerstand aus Politik und Wirtschaft auf Grundlage seines christlichen Glaubens die Abschaffung der Sklaverei in Großbritanien erwirkte. Leute wie Martin Luther, der sich aus Glauben mit der großmächtigen Katholischen Kirche anlegte und sogar den damals wohl reichsten Kaufmännern ihrer Zeit, den Fuggern, ins Gesicht sagte, dass dieser Reichtum wohl kaum mit ehrlichen Mitteln erwirtschaftet worden sein konnte. Wir sehen Menschen wie Bonhoeffer oder Martin Luther King, auch Ghandi war ein zutiefst religiöser Mensch. All diese Beispiele zeigen, dass Glaube auch bewirken kann, dass sich Menschen gegen die herrschende Elite aus Politik oder Wirtschaft erheben.

Es scheint hier eine Spaltung zu geben, die beeindruckender und größer nicht sein könnte: Auf der einen Seite riesige Macht- und Unterdrückungszentren, mit dem Glauben als Hebel sich Massen gefügig zu machen, und auf der anderen Seite Gläubige, die durch ihren Glauben aus der Masse hervorstechen und für das Gute bis zum äußersten gehen und wie Bonhoeffer sogar den Hochverrat und den Galgen nicht scheuen. Auf der einen Seite Religion, welche Konformität fördert und fordert, auf der anderen Seite Gläubige, die keine Furcht zeigen dem gängigen Zeitgeist zu trotzen.

Wie kann es sein, dass diese beiden Extreme hervorkommen?

Vielleicht weil es einen Unterschied zwischen dem religiösen Menschen und dem gläubigen Menschen gibt?

Wird nicht oft gerade derjenige zur gefährlichsten Bestie, der nur so tut als kenne er Gott, aber in Wahrheit keinen Glauben hat, diesen nur für seine Zwecke schauspielert oder eigentlich gar nicht am Glaubensinhalt selbst interessiert ist, sondern nur den daraus erwachsenen Traditionen, Ritualen, Äußerlichkeiten? Jesus selbst warnte vor jenen Menschen, die Religion nur für ihre Zwecke missbrauchen wollen, als Machtinstrument, zur Unterdrückung der Massen: „Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“

Davor warnt auch Paulus: „Wachet! Seid nüchtern! Prüfet alles und behaltet das Gute!“

Als Richtschnur kann festgehalten werden: Unter Christen gibt es keine Hierarchie. Theologisch gesehen sind alle Christen Söhne bzw. Töchter Gottes, es existiert nichts mehr, das dazwischen stehen könnte. Das ist gleichzeitig eine Absage gegen religiöse Machtapparate menschlicher Prägung. Jede religiöse Organisation kann theologisch gesehen nie mehr sein als Mittel zum Zweck, ansonsten wird sie zum Götzen. Am Ende steht jeder für sich alleine vor Gott. Wer den christlichen Glaubensinhalt Ernst nimmt kann keine Machtapparate zur Massenunterdrückung befürworten. Denn der christliche Glaube ist ein Glaube für die Schwachen, Kleinen und Ausgegrenzten, die groß gemacht werden sollen, und es ist ein Glaube der Gleichheit aller Geschöpfe vor ihrem Schöpfer.

 

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Veröffentlicht in Alltag, Blog, Geschichte, Gesellschaft, Glaube, Politik, Theologie

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