Wenn aus Wenigen Massen werden…

…dann wird Ethik fast unausführbar, Ideale eine weit entfernte Fatamorgana. Und geichzeitig werden die Tragweiten jeder Entscheidung immer größer.

Man denke an Flüchtlinge, oder auch an Arbeiter, Arme,…. Solange ich einen Einzelnen vor mir habe, kann ich nach ihm fragen, mir seine Lebensgeschichte anhören, sein Schicksal in den Augen behalten, ihn als Individuum fördern und zu seinem vollen Potential führen.

Aber dann kommt nicht nur ein Flüchtling sondern Tausende, dann ist es nicht nur ein Zwei-Mann-Betrieb sondern ein global agierender Konzern mit zigfachen Tochtergesellschaften und Tausenden Mitarbeitern. Und all das Engagement, das den Einzelnen noch aufblühen lassen ließ, wird ersetzt von Routinen: Die Organisation an sich tritt in den Vordergrund und lenkt meine Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten. Je effizienter die Organisation funktioniert, desto mehr kommt auch beim Einzelnen an. Aber der Einzelne wird zur Nummer, die Effizienz der Organisation wird Ziel all meines Handelns und Denkens.

Wie kann ich die Verteilung der Flüchtlinge organisieren, die Essensausgaben, die Unterbringung,…

Das tragische ist, die Entscheidungen, die auf dieser anonymen, vom Einzelnen abgehobenen Ebene getroffen werden, erreichen effektiv wesentlich mehr Einzelne als es die intensivste Sorge um einen Einzelnen je könnte.

Sie bestimmen die Richtung, in die wir als Gesellschaft ziehen.

Die kalte Rationalität, mit der man mit solchen Organisationen umgehen muss, erschreckt mich manchmal. Dabei ist sie mir aus meinem Studium vertraut, ich habe sie angewendet und durchdacht.

Während beim Einzelnen ganz automatisch bei den meisten von uns ein Gewissen und zwischenmenschliche Empathie anspringt, sprechen wir bei  Organisationen, die mit Menschenmassen umgehen, i.d.R. von Notwendigkeiten und in Begrifflichkeiten als wenn wir die Evolutionsgeschichte des Dinosauriers zum Vogel erklären wollten.

Versteht mich nicht falsch, wir können gar nicht anderes darüber sprechen. Ein übermäßig naiver Emotionalismus brächte nichts zustande als unnötige Ressourcenverschwendung, die letztlich die Situation aller Beteiligten nur weiter verschlechtert. Aber es beängstigt mich die Vorstellung, was wohl passieren mag, wenn wir einst zum Schluss kommen werden, dass unsere Organisationen ihre Kapazitätsgrenzen erreicht haben und nicht mehr Platz für jeden ist. Welche Notwendigkeiten werden dann kommen? Was wird dann die „logischste“ Entscheidung sein? Was passiert dann mit den Einzelnen? Wird dann unser Gewissen anspringen, oder das Messbare es überwinden?

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Veröffentlicht in Alltag, Blog, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft
One comment on “Wenn aus Wenigen Massen werden…
  1. Reiner sagt:

    Dafür liebt und hasst man „die Deutschen“. Ordnung, Struktur, Ratio. (Allerdings lässt sich mit solcher Art Sekundärtugenden auch ein KZ leiten).

    Die Grenzen des Machbaren. Wer immer entscheidet, Grenzen zu schließen, muss diesen Gedanken auch bis in die letzte Konsequenz zu Ende denken und verantworten. Das gilt auch für weitere Absenkungen des Mindest-Standard zur Unterbringung. Früher oder später stehen sehr schwere und weitreichende Entscheidungen an und mir graust vor den Folgen, so oder so.

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