Die Vermessung der grauen Wand

Ich stehe vor einer grauen Wand. Sie ist undurchsichtig und sie reflektiert nichts.

Mein ganzes Denken fokussiert sich darauf zu ergründen, was wohl hinter der Wand liegen mag.

Aber da ich nichts dahinter zu erkennen vermag, versuche ich die Wand so exakt wie nur möglich zu erforschen.  Tagein tagaus beschäftige ich mich damit Maß von der Wand zu nehmen, neue Worte für die verschiedenen Grautöne zu entwickeln.

Ich bewerfe die Wand mit allerhand Materialien und ergründe ihre Reaktion auf den Bewurf. Bis ins Kleinste lerne ich den Moment des Aufpralls zu beschreiben. Ich messe Geschwindigkeit, Leitungseigenschaften, Größe und Gewicht der geworfenen Materialien. Nach einigen Versuchen füge ich noch deren Form hinzu. Ich stelle fest, dass kein Material, sei es noch so schnell oder groß, die Wand durchbrechen oder auch nur beschädigen kann. Vielmehr komme ich nach Jahren des Experimentierens und nach allerlei kluger Diskussion über die rechte Inerpretation der zahlreich gesammelten Daten und dem ein oder anderen mathematischen Durchbruch im Bereich der empirischen Statistik zu dem Schluss, alles Material, das ich bislang geworfen habe, ist ein Ableger des Materials jener grauen Wand. Ich schließe daraus: Alles ist Wand und aus der Wand hervorgegangen.

Auch alles Grau ist nur ein Grauton der Grautöne der grauen Wand. Ich versuche das Grau mit allerlei Lichtern zu beleuchten, diese in verschiedensten Winkeln und allen nur erdenklichen Abständen auf die Wand strahlen zu lassen. Auf diese Weise schaffe ich es das volle Spektrum aller Grautöne jener von Grau so umfassend erfüllten Wand zu erhalten. Ich stelle große philosophische, mathematische und physikalische Theorien über „Das Grau“ und „Die Wand“ auf.

Doch nach alle dem bin ich der ursprünglichen Frage nicht einen Schritt näher gekommen. Ich weiß noch immer nicht, was sich dahinter befindet. Und von der Existenz nicht-grauer Farben wage ich noch nicht einmal zu träumen. Blasphemie scheint mir nach all der Zeit der bloße Gedanke es könnte noch etwas anderes als Grau oder Wand geben.

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2 Kommentare zu „Die Vermessung der grauen Wand

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  1. Ich, Ananda, sage: Es gibt.

    Und ich sage das so pathetisch, weil es so pathetisch ist 😉 – Ja, Nein, Doch,
    Es ist eine Grundsatz-Entscheidung und ich habe mich nach wahrhaft langer reiflicher Überlegung und jeder Menge Erlebnisse und Erfahrungen dafür entschieden.

    Jetzt hat es den Status des Ich weiß.
    Und seit es den hat, fühlt sich alles sehr viel besser an.

    Gefällt 1 Person

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