Nepal – Meine kleine Pilgerreise

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Drei Jahre ist es nun her, dass ich es wagte eine ganz andere Welt zu betreten. Fremde Gerüche, Geräusche und eine ferne Kultur warteten in Nepal auf mich. Langsam bleichen die Bilder aus, die ich von dort mit nach Hause genommen habe. Noch stark sind die ersten Eindrücke, die ich von der staubigen Luft Kathmandus gewonnen habe, von den unschuldigen und von Armut gezeichneten Augen der Kinder, die außerhalb der Stadt an den Straßenrändern schon früh auf den Feldern ihrer Eltern mitarbeiten mussten.

Manchmal war ich enttäuscht, wie wenig ich von dieser großen Reise wirklich nach Deutschland hinüberretten konnte. Viele Eindrücke haben mich tief berührt, aber kaum wieder in unserer westlichen Welt gelandet fehlt mir der Schlüssel zu ihnen. Wenn ich nur noch einmal die Gerüche wahrnehmen könnte.

Viele Deutsche reisen nach Nepal, um dort nach spirituellem Sinn zu suchen. Es ist für sie eine Pilgerreise zu den tibetischen Mönchen und zahlreichen Buddha oder Hindu-Tempeln. Auch ich habe diese besucht und eine Nacht in einem tibetischen Kloster verbracht.

Die tibetischen Mönche haben in ihrer Einfachheit noch jeden katholischen Mönch übertroffen. Die Mahlzeit im Kloster bestand aus einem geschmacklosen Joghurt. Die Unschuld ihrer Seelen war beeindruckend, als wüssten sie von Sünde nur aus Märchensagen.

Was mich von Anfang an jedoch negativ erschrocken hat, war das Geschäft, das die Einheimischen mit ihrem Glauben betrieben. Außerhalb des Klosters – so schien es – wurde er nur Ernst genommen, wenn es um die Einhaltung von traditionellen Kastenunterschieden ging, und der Rolle der Frau als unterstes Glied der Kette.  Während die Straßen Kathmandus aufgerissen dalagen, kaum den Namen Straße verdienten, der Müll überall an der Seite verbreitet war, und wenn er nicht verbrannt wurde dort noch sehr lange liegen bleiben würde, kein Gebäude außer dem der UN in einem annähernd guten oder modernen Zustand war und Strom nur wenige Stunden pro Tag verfügbar war, bestanden die Tempel aus Gold und waren in Mitten des Mülls die einzigen sauberen Fleckchen. Sie waren Räuberhöhlen für allerlei Kommerz, mehr ein Marktplatz als ein spiritueller Rückzugsort. Das Gefühl von Heiligkeit oder Erleuchtung konnte man dort lange suchen.

Spirituell war die Reise ein Fehlschlag, so schien es mir anfangs. Ich hatte einige inspirierende Gespräche mit Hindus über ihren und meinen Glauben und mit zwei Schweizern, die dort auf ihrer spirituellen Suche waren. Die eine Anfang 30 und an einem Karriereumbruch, der andere nach dem Schulabschluss auf Reisen. Alle aus dem Westen, die mir dort begegneten, suchten nach irgendetwas, einem tieferen Sinn in ihrem Leben oder nach einer neuen Richtung, vielleicht einem Bruch ihres üblichen Alltags, einer Flucht vor sich selbst und der eigenen Magersucht, einer Suche nach sich selbst, manche vielleicht auch nur nach einem Abenteur. Auch ich war auf der Suche. Aber Nepal war die falsche Antwort auf meine Fragen, so schien es mir zuerst.

Denn was ich erleben wollte, war die Nepalesen, und nicht unsere westliche Sinnsucherei. Gefunden habe ich dort aber nur mich und uns. Die Nepalesen waren von ihrem Alltag umgarnt, außer dem Geld, das die Westler mitbrachten, hatten sie selbst wenig Sinn für unsere Sinnsucherei. Sie gaben uns, was wir suchten, befriedigten unsere Erwartungen. Aber das war nur ein Ablassbrief, ein Theaterstück. Nepal selbst plagten ganz andere Dinge. Nepal gehört zu den 10 ärmsten Ländern der Erde. Und wer Augen hat konnte es sehen.

Was ich in diesem Kulturschock fand, war spirituell aber vielleicht wesentlich wertvoller als die Fragen, die ich meinte, dass sie wichtig wären. Es war ein neues Verständnis für Kultur und für Zeit. Das deutsche Zeit- und Ordnungsverständnis hatte in dieser Welt keinen Platz. Nach wenigen Tagen ist es in der nepalesischen Art zu Leben untergegangen. Es war am Ende gar unvorstellbar, es  zu übertragen, zu verschieden tickten die Uhren. Trotz der Hektik des Straßenverkehrs Kathmandus, des permanenten Hupens und Kreuz- und Querfahrens, war alles doch irgendwie bedeutend langsamer. So viel langsamer, dass mir es am Frankfurter Flughafen schwindlig wurde als die deutsche geordnete Geschwindigkeit auf mich einprasselte, so dass ich die erste Zeit orientierungslos durch die Gegend taumelte.

Was ich in Nepal fand war ein tiefes Verständnis für die Bedeutung unseres Luxus. Es ist keineswegs das Böse, wie es von mir einst und von Grünen gerne dämonisiert wurde und wird. Wer die Verhältnisse Nepals erlebt hat, ohne warmes Wasser, ohne westliche Toilette, ohne Matratze zum schlafen, ohne Strom, der lernt diesen Luxus erst richtig wertzuschätzen. Der begreift erst, was die Flüchtlinge hierher bringt. Der erkennt, wie wenig selbstverständlich unser Leben hier in Deutschland eigentlich ist.

Was ich in Nepal fand, war die menschliche Natur in ihrer verzwickten Komplexität. Die Sehnsüchte unserer Seele, die sich bei uns Westlern in unserer manchmal verzweifelt erscheinenden Sinnsuche äußerten, auch die Sehnsucht nach Nähe, Liebe und Sex ist mir begegnet. Bei den Mönchen traf ich auf ein ganz anderes Extrem, der oft selbstgewählten Abkehr von irdischen Bedürfnissen, wobei das Kloster auch viele Kinder aufzog. Bei den meisten Nepalesen erlebte ich eine sehr pragmatische, improvisatorische Form der tagtäglichen Alltagsbewältigung, gepaart mit einem bodenständigen, manchmal opportunistischen Streben nach einem klein wenig besseren Leben oder zumindest Überleben. Und in Erinnerung blieb mir jener kleine Junge im Waisenheim, der so schnell lernte, so einen intelligenten Blick hatte und eine große Karriere vor sich hätte … wäre er in anderen Umständen auf einem anderen Fleck der Erde geboren worden…

 

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Ein Kommentar zu „Nepal – Meine kleine Pilgerreise

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  1. Ich war noch nie da, aber zwei Paar Schuhe von mir laufen jetzt da rum 😆
    Und ein paar Vliesjacken…

    Und ein wunderschönes Foto, dass die Dame, die letzte Woche die Sachen mitgenommen hat, letztes Jahr gemacht hat ist mein Büro-Bildschirmschoner 🙂

    Gefällt 1 Person

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