Grenzen setzen für Harmoniemenschen

Es ist eine der schwersten Übungen, die Harmoniemenschen wie ich unterlaufen müssen. Für einen Christen wird sie noch einmal schwerer, will man doch Jesusgleich allen Menschen helfen. Aber manchmal und insbesondere in geschäftlichen Belangen oder gegenüber dem Chef ist es unbedingt notwendig Grenzen zu setzen.

Ohne Grenzen droht die Gefahr zum Lastenträger zu werden für Lasten, die gar nicht die eigenen sind. Wir alle haben klar umzäunte Verantwortungsbereiche, die wir reflektiert verwalten sollten. Meine christliche Nächstenliebe sollte nicht zur Konsequenz haben, dass ich Übergriffe in meinen Verantwortungsbereich widerspruchslos über mich ergehen lasse.

Mir persönlich fällt dieses Nein oft sehr schwer. Ich lasse mich ungern auf Konflikte ein und insbesondere wenn ein Hierarchiegefälle existiert fällt der Widerspruch sehr schwer. Doch wer keine Grenzen setzt wird schnell zum Opfer immer wiederkehrender Grenzüberschreitungen. War es erst noch ein Griff nach dem kleinen Finger wird schnell die ganze Hand eingefordert. Denn auch für den Chef ist es einfacher nach dem Harmoniemensch zu greifen als nach einem Mitarbeiter, der ständig Widerstand leistet.

Was hemmt uns diese Grenzen zu setzen?

Einerseits mag das Angst vor möglichen negativen Konsequenzen sein. Kann man schlecht einschätzen, ob man selbst eher mehr oder weniger Leistung als andere Mitarbeiter bringt, kommt rasch die Sorge vor schlechten Beurteilungen und ausbleibenden Gehaltserhöhungen, sollte man zu oft widersprechen oder sich zeitlich zu unflexibel zeigen. Die meisten von uns sind eben keine freien Menschen sondern arbeiten in einer abhängigen Beschäftigung, in der sie einen gewissen Gehorsam ihrem Arbeitgeber gegenüber zeigen müssen. Es ist immer ein Balanceakt das rechte Verhältnis zwischen berechtigten Arbeitgeberinteressen und einer ebenso berechtigten Vertretung eigener Interessen zu finden.

Andererseits könnten die eigenen Ideale, z.B. christliche Werte wie Nächstenliebe oder das Streben Jesus ähnlicher werden zu wollen, die Latte so hoch hängen, dass ich glaube mich für alles und jeden aufopfern zu müssen. Das führt zu einer burn-out-gefährdeten Lebensführung ohne jeglichen Selbstschutz und ohne Grenzen. Dabei sagt uns das Gebot der Nächstenliebe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (u.a. 3. Mose 19,18). Wer sich selbst missachtet wird also schnell in einer Sackgasse landen und keineswegs Jesus Gebot nachfolgen.

Es kann auch eine abstrakte Angst vor Konflikten dahinter stehen. Deren Ursache könnte in der eigenen Kindheit zu finden sein. Der Wunsch nach Friede, Ruhe und Harmonie ist aber insbesondere für sensible oder gar hochsensible Menschen eine große Triebfeder in ihrem Leben. Aber wie alles im Leben können diese an sich erstrebenswerten Sehnsüchte – und das insbesondere in einer gefallenen Welt – zum Negativen führen, wenn sie unreflektiert und ohne Balance aus dem Ruder laufen. Denn:

Gelegentliche Konflikte schaden nicht automatisch, sie können sogar heilsam sein.

 

 

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Veröffentlicht in Alltag, Blog
5 comments on “Grenzen setzen für Harmoniemenschen
  1. Reiner sagt:

    Gut geschrieben!
    Wer alles gibt, hat nichts mehr für sich.
    Harmonie-Sucht ist an mir vorbei gegangen.
    Wenigstens eine 😉

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    • Utopio sagt:

      Was schade ist. Harmoniemenschen sind wichtig, sie halten Gruppen zusammen. Aber in einer Welt, in der alle Güter und sogar die Zeit in Konkurrenz zueinander stehen bleibt ihnen nichts für sich selbst.
      Grenzen müssen schließlich nur gesetzt werden weil ein anderer meint deine Grenzen austesten zu müssen.

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  2. […] Grenzen setzen für Harmoniemenschen Dieser Beitrag streift auch dieses Thema. […]

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  3. Danke für diesen Beitrag. Ich bin allzuoft mit meinem gut sein und helfen wollen auf die Nase gefallen und wurde ausgenutzt und für dumm gehalten. Die Lektion des sich selbst Liebens und das Setzen gesunder Grenzen musste ich lernen und muss es noch immer. Gerade jetzt in der eigenen Familie.

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