Christentum als Subkultur?

Unsere Gesellschaft hat ihre liberalen Grundsätze nach mehr als 65 Jahren Grundgesetz  zutiefst verinnerlicht. Darunter stehen eine Reihe an Freiheiten, die wertfrei ein großes Spektrum möglicher Lebensentwürfe offen halten. Dieser breit gefächerte Pluralismus führte nach und nach fort von der Moderne, die im 19. Jahrhundert mit Mitteln des kritischen Rationalismus auf der wissenschaftlichen Wahrheitssuche war, hin in unsere gegenwärtige Postmoderne. Diese Postmoderne kennzeichnet ein Nebeneinander verschiedener „Wahrheiten“. Im Zentrum steht nicht mehr die Frage danach, was wahr ist, sondern danach, was mir gut tut.

Gleichzeitig ist diese, unsere Zeit von einem enormen Zerfall kirchlichen Lebens geprägt. Kirchenaustritte gehören zur Biografie des Durchschnittsbürgers, so dass bereits mehr als ein Drittel der Deutschen vor dem Recht als konfessionslos gelten, Tendenz steigend. Doch nicht nur die Kirchenzugehörigkeit nimmt ab, auch das Wissen um biblische Texte sowie die Kenntnis um die Bedeutung kirchlicher Symbole und Liturgie. Aber nicht nur das, auch die persönliche Erfahrung von Gottesdiensten, Sakramenten u.ä, die vorige Generationen ganz automatisch durchs Elternhaus mitbekamen, ob sie daran glaubten oder nicht, wird immer mehr zur Randerscheinung.

Auf der anderen Seite entwickeln sich neumodische Formen des Gottesdienstes. Freikirchen haftet nicht automatisch mehr der Stempel einer Sekte an. Auch viele ausländische Kirchen, die zuvor kaum außerhalb zugewanderter Migrantengruppen Fuß fassen konnten, von Baptisten bis charismatischen Gemeinden, gehören heutzutage zum typischen Angebot von Großstädten. Doch deren Erfolg spielt sich zumeist abseits des gesellschaftlichen Mainstreams ab und wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen.

Das Christentum schrumpft damit auf einen kleinen Kreis zusammen, der den christlichen Glauben einerseits ernsthafter als die breite Masse voriger Generationen praktiziert, andererseits oft offener gegenüber andersartigen und wandelbaren Gottesdienst- oder Musikstilen ist. Das Christentum scheint sich damit zu einer Subkultur innerhalb unseres postmodernen Markts der Möglichkeiten zu entwickeln.

Diese Entwicklung wird von einigen mit Angst gesehen. Der christliche Glaube verschwindet aus dem Kern unserer Gesellschaft. Einzig die christlichen Hochfeste – wobei da zumeist auch nur Weihnachten – können noch die breite Gesellschaft erreichen. Andere sehen es als Chance, die kleine übrig bleibende Gemeinde von verstaubten Traditionen zu reinigen und sich zurück auf den Kern des Glaubens zu fokussieren. Dritte wiederum fürchten genau darin eine Fundamentalisierung des hiesigen Christentums. Aus einer noch größeren Perspektive betrachtet erlebt der Glaube wiederum nur dasselbe Schicksal, das auch allen anderen Gesellschaftsbereichen blühte. Wie zuvor auch schon Fernsehen, Musik, Kleidung, etc.pp. gilt es nunmehr auch für den Glauben: Es gibt nicht mehr den einen Sender, der das ganze Land erreicht. Hatte der Tatort einst 90% der Einschaltquoten gewiss, verteilen sich die Einschaltquoten nun auf hunderte Angebote.

Letztendlich existiert damit die eine Mainstream-Kultur gar nicht mehr. Sie wurde von hunderten Subkulturen ersetzt, die postmodern nebeneinander existieren oder sich gar überlappen, ungewillt ihre Widersprüchlichkeit im Sinne einer modernen Wahrheitssuche aufeinanderprallen zu lassen.

 

 

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