Ich bin Mensch

Druck

Letztes Wochenende habe ich zum ersten Mal mein kleines Mädchen (wahrscheinlich ist es eine sie) im Bauch meiner Frau strampeln spüren. Ein herzerwärmendes Gefühl, diese erste kleine Kontaktaufnahme zwischen uns. Vorher musste ich mich mit den Erzählungen meiner Frau begnügen, aber jetzt habe auch ich es wahrgenommen. Ich werde tatsächlich Vater, nein, ich bin es bereits. Ich kann sie noch nicht sehen, aber da ist sie schon, ein kleines Geschöpf, das auf mich und noch stärker auf ihre Mutter reagiert.

Wir haben uns dazu entschieden nicht auf Behinderungen testen zu lassen. In unserem Alter ist die statistische Wahrscheinlich ohnehin niedrig. Für uns stellte sich die Frage aber überhaupt nicht, da unsere Entscheidung feststeht. Nach diesem Wochenende erscheint mir jede Alternative unmöglich. Der bloße Gedanke daran, dieses kleine unschuldige Wesen zu töten, bringt meine Vatergefühle zum Toben. Sie bewegt sich, ihr Herz schlägt und ich kann sie sogar mit meinen eigenen Händen fühlen. Es würde mir das Herz zerbrechen.

Welche Gefahren musste sie bereits überwinden, so viele Veränderungen ihres Körpers und des Körpers ihrer Mutter, in jedem Moment der Schwangerschaft könnte etwas schief gehen und zur Fehlgeburt führen. Mehr als Wahrscheinlichkeiten können selbst die Ärzte dazu nicht nennen, wir wissen nicht, wann und warum eine solche geschieht. Jedes Leben, das sich unbeschadet entwickelt, ist daher wahrlich ein Wunder. Jedes Leben ist von jemandem gewollt, eine einmalige und unendlich wertvolle Bereicherung unseres Universums.

Und doch, die Zahlen sind erschreckend: Das Leben von 90% der mit Down-Syndrom diagnostizierten Kinder wird beendet, und das noch bis kurz vor der Geburt.

Das bringt mich zu der Frage: Ab wann ist ein Mensch denn eigentlich ein Mensch?

Art. 1 des Grundgesetzes besagt doch eigentlich: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Art. 2 des Grundgesetzes konkretisiert in Absatz 2: Jeder hat das Recht auf Leben…

Jedermann-Grundrechte, Grundrechte mit Jeder als Adressat, besitzen grundsätzlich alle Menschen.

Bedeutet dies also im Umkehrschluss mein kleines Mädchen ist kein Mensch? Sie ist ein rechteloses Wesen, ganz unserer Gnade ausgeliefert. Oder liegt es an der Behinderung, sind etwa behinderte Kinder keine echten Menschen? Welche Kriterien müssen erfüllt werden, um als vollwertiger Mensch anerkannt zu werden? Rein rechtlich wohl die Geburt, ab ihr beginnt ein Mensch tatsächlich Mensch zu sein. Doch scheint diese Denkweise irrational und irgendwie sehr unbiologisch. Als wäre ein Mensch nur dann Mensch, wenn ich ihn mit meinen eigenen Augen sehen kann. Unsichtbar im Bauch verborgen dagegen ist er noch keiner. Was ich nicht sehe, macht mich nicht heiß.

Ich bin auf eine Kampagne gestoßen, die sich diese Frage zur Aufgabe gemacht hat:

http://ich-bin-mensch.de/

Ich kann nur hoffen, dass sie etwas Gehör findet. Denn um es biblisch abzurunden:

Wähle also das Leben (5. Moses 30) , für dich und deine Nachkommen.

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Veröffentlicht in Alltag, Blog, Politik
3 comments on “Ich bin Mensch
  1. Anne sagt:

    Glückwunsch zu dem kleinen Wunder. 🙂
    An das Thema kann man auch aus der anderen Perspektive herangehen: Sind alle Eltern vollkommen gesund und nicht behindert? Es gibt doch so viele unsichtbare Mauern in Köpfen, Verletzungen aus der Vergangenheit und Unfähigkeiten aus eigener Kraft so zu lieben, wie wir es eigentlich sollten – und trotzdem dürfen wir leben und sogar neues Leben hervorbringen. Das selbe Recht sollte für unsere Kindern gelten. Ich weiß nicht, wie schwer es ist, mit einem behinderten Kind zu leben, aber ich weiß, dass Gott hilft, wenn wir darum bitten und es gibt so viele Erfahrungsberichte, aus denen die Freude an und mit diesen Kindern hervorgeht.
    In diesem Sinne. 🙂 lg

    Gefällt 1 Person

    • Utopio sagt:

      Danke. Das ist sie echt. 🙂

      Wenn man einen Führerschein zum Leben bräuchte hätte die Menschheit wahrscheinlich nur eine Generation überlebt.

      Dass wir trotz unserer offensichtlichen Fehler leben durften zeigt mir finde ich, dass Leben nicht durch Leistung oder sonst eine Bedingung wertvoll ist.

      Das erschreckende ist. Eine ehrenamtliche Telefonberaterin hat kürzlich erzählt, dass sich viele junge Frauen die bei ihr landen regelrecht zu dem Schritt gedrängt fühlen. Von wegen Selbstbestimmung. Gerade bei Behinderten oder einer sehr jungen Schwangeren bauen die Reaktionen von Außen einen gewissen Druck auf abzutreiben.

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