Liebe ist eine Tat

Gerade in christlichen Kreisen wird viel von Liebe gesungen und gepredigt. Trotzdem werden Christen nicht als ungewöhnlich liebevoll wahrgenommen. Die Predigt und der Lobpreis verursachen zwar wunderbar warme Gefühle, die sich wie Liebe anfühlen, aber sie vergessen das entscheidende zu bewirken:

Liebe ist eine Tat und kein Gefühl. 

„Ich liebe dich“ ist ein Versprechen, das nur dann keine Heuchelei ist, wenn daraus Taten folgen. Die damit verbundenen Gefühle sind sozusagen ein Vorschuss, ein Vorgeschmack auf das eigentliche Ereignis der Liebe. Die Tat beginnt mit einem verbindlichen Bund und muss auch danach tagtäglich von Neuem mit tatkräftigem Brennholz versorgt werden.

Auf welche Weise die Liebe von einem emotionalen Versprechen zukünftiger Wirklichkeit zu einer erfüllenden Realität wird, hängt letztlich nicht von dem Liebenden sondern dem Geliebten ab. Liebe ist nämlich selbstlos. Die große Schwierigkeit der Liebe besteht allerdings darin die gegenseitigen, oft unterschiedlichen Bedürfnisse herauszubekommen. Hier kann es schnell zu Missverständnissen kommen. Ich verweise hier gerne auf Gary Capmans fünf Sprachen der Liebe. Er hat in seiner Paartherapie die Erfahrung gemacht, dass jeder sich durch unterschiedliche Verhaltensweisen geliebt fühlt oder Liebe kommuniziert. Er teilt die Liebe in fünf Sprachen auf: Lob/Anerkennung, Hilfsbereitschaft, Zeit mteinander verbingen, Geschenke und körperliche Zärtlichkeiten/Nähe. Der eine Mensch hungert eher nach Lob, der andere kann mit all dem Süßholzraspeln nichts anfangen sondern fühlt sich erst dann geliebt, wenn Hilfsbereitschaft z.B. beim Rasenmähen gezeigt wird. Wir alle sprechen unterschiedliche Sprachen und müssen uns erst der eigenen und dann der Sprache des anderen bewusst werden, um Liebe effektiv kommunizieren und empfangen zu können.

Alle fünf Punkte sind keine bloßen Emotionen, sondern sie sind konkrete Taten. Als Taten erweitern sie unser Verständnis von Liebe auch in Bezug auf die Nächstenliebe sowie die Gottesliebe und unsere konkrete Lebensweise als Christen. Es genügt eben nicht ein warmes Gefühl in der Brust zu haben während „Lobe den Herrn meine Seele“ oder „Ich liebe dich“ von Albert Frey angestimmt wird. Um es einmal drastisch auszudrücken: Von unseren wohlklingenden Stimmlein kann sich ein Obdachloser abends kein Essen kaufen.

Liebe hat etwas mit Nachfolge zu tun, mit der Extrameile, die Jesus von uns einfordert. Sie kostet etwas, denn wir sind aufgefordert unser Ego zu kreuzigen, uns selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. Stattdessen sollen wir den Blick auf den anderen legen, dem wir mit unserer Liebestat etwas Gutes tun können. Denn dieser andere ist in Wahrheit Jesus. Was wir ihm tun, das tun wir IHM.

Doch das sagt sich sehr einfach. Die wirkliche Welt jenseits von beheizten Kirchenräumen und emotionalen Predigten sieht wesentlich komplizierter aus als wir es gerne hätten. Gebe ich dem Bettler vor der Kirchentür einen Euro, oder unterstütze ich damit nicht in Wahrheit eine rumänische Verbrecherbande, deren Sklave der Bettler ist, oder eventuell dessen abendlichen Alkoholrausch, von dem er eines nachts nicht mehr aufwachen wird? Unser christlich gut gemeint oder gut gewollt trifft in der harten Wirklichkeit auf egoistische Eigeninteressen, die diese gut gemeinte Barmherzigkeit für ihre eigenen Ziele zweckentfremden möchten. Der gut gemeinte Volunteer-Tourismus hilft Entwicklungsländern oft gar nichts, ist aber eine rentable Einnahmequelle für eine Reihe profitlüsterner Organisationen. Liebe als Tat erweist sich in der realen Welt als weit aus schwieriger als gedacht, was schnell zur Erkenntnis führt, dass Liebe als Tat sich außerhalb zwischenmenschlicher Liebesbeziehungen gar nicht recht lohne. Die Folge ist ein Rückzug zur Liebe als bloßer Emotion, ohne Investition.

Das ist ein fein eingefädelter Trick des Teufels. Jede Investition beinhaltet das Risiko des Scheiterns. Das fängt auch schon in der privaten Liebesbeziehung an. Da treffe ich mit meinen Taten vielleicht nicht immer die richtige Liebessprache und investiere meine Liebe sinnlos in Geschenke oder Hilfsdienste, während sich das Gegenüber immer weniger geliebt fühlt und meine Liebestaten gar nicht wahrnimmt. Eine kleine körperliche Geste wie ein zärtliches Händehalten hätte hier mehr bewirkt. Aber soll ich deswegen aufgeben? Beim Glück, das private Liebe bereithält, würden wir sofort mit Nein antworten. Sie müssen ja nur miteinander reden! Und genauso sieht es auch in der harten Wirklichkeit dort draußen aus: Wir müssen eben ausprobieren, welche Taten Früchte zeigen. Und das Risiko in Kauf nehmen, dass nicht alles immer zündet. Das verlangt Geduld und Ausdauer, nicht nur einen kurz anhaltenden spirituellen Kick.

 

 

Advertisements

6 Kommentare zu „Liebe ist eine Tat

Gib deinen ab

  1. und ich verweise dann mal wieder auf die Buddhisten und zitiere:
    „Wer Mitgefühl hat, ist freundlich, auch wenn er wütend ist.
    Wer kein Mitgefühl hat, kann töten, auch wenn er lächelt.“

    Und ich zitiere mich selbst aus einem Gespräch:
    „Du musst nicht jeden Tag von Zu Hause in die Kirche gehen, du musst die Kirche in den Kopf holen“
    (etwas holprig aus dem Englischen übersetzt)

    Es geht mir absolut nicht um Liebe/ Mitgefühl, Christentum/ Buddhismus, besser/ schlechter.
    Doch es fällt mir immer wieder auf – Spiritualität IMMER, als ständiger Begleiter des Lebens oder in ihren bestimmten Bereichen?

    Verankert im Leben muss die Liebe zur Tat werden.

    Gefällt 1 Person

    1. Tja ein Schelm, der diese Spiegelneuronen erfunden hat. Das Empfinden des Nächsten wird so physisch auf mich übertragen. Die Grenze zwischen Du und Ich auf diese Weise aufgehoben. Mit Mitgefühl wird auch ohne Ethil studiert zu haben für mich gut, was für dich gut ist. Damit sind die Gebote gewissermaßen ein Teil unseres inneren Konstruktionsplans.

      Und aus Mitgefühl wird in der Tat Liebe.

      Gefällt mir

      1. Das Wissen, dass wir alle nur wirklich glücklich werden können, wenn wir alle glücklich werden –
        Wenn man das nur in die Köpfe rein bekäm….

        Gefällt mir

      2. Also der große Drogenboss lebt nun auch nicht unbedingt sonderlich schlecht. Und er ist vielleicht sogar glücklich. Unglücklich würde er nur wenn sein Gewissen ihn anklagen würde. Der mexikanische Drogenkrieg zeigt aber wie extrem Gewissen und Mitgefühl abstumpfen können. Glück alleine ist vielleicht nicht der richtige Maßstab.

        Wenn man nicht ans jüngste Gericht oder an Karma glaubt, woher soll diese Erkenntnis auch kommen? Unsere Gesellschaft ist individualistisch und kapitalistisch. Deine Erkenntnis ist nicht individualistisch und ökonomisch ist sie töricht. Sie widerspricht unserer westlichen Welt.

        Gefällt mir

      3. lebt nicht schlecht ? – genau das ist das Problem – kurzfristiges Denken – oder auch – was ist Glück?
        Das Erwachen kommt – so sicher wie das Amen in der Kirche – Ich vermute, im Moment des Todes – oder spätestens danach 😉

        Ich widerspreche gerne der westlichen Welt 🙂

        Da kann ich zitieren wen ich will – Vielleicht die Amerikanischen Ur-Einwohner, mal so zur Abwechslung ?
        Erst wenn sie merken, dass man Geld nicht essen kann….

        Es ist EINE Kugel und alles darauf ist miteinander verbunden.
        Alleine schon durch die Luft.
        Überleg mal, durch wie viele Menschen die Luft schon gegangen ist, die du atmest 😆
        Auch der menschliche Körper, wird vergraben, wird zu Nahrung für Würmer und Pflanzen, die werden wieder zu Nahrung für Vögel und so, die werden wieder zu Nahrung für was weiß ich wen 😉

        Energie – die sich immer nur wandelt, von dem einen in den nächsten und immer so weiter….

        Gefällt 1 Person

  2. Illia TROJANOV erzählte bei einer Lesung aus dem Buch Macht und Widerstand, dass er bei ehemaligen bulgarischen KGB Mitarbeitern über ihre Vergangenheit im kommunistischen Regime Bulgariens recherchierte. Seine Worte:“ Man würde meinen diese Menschen hätten Schuldgefühle und könnten Nachts nicht schlafen… im Gegenteil, sie leben sehr gut!“
    Tja ?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: