Die Bibel als Spiegel

Ich bediene mich eines Bildes des dänischen Existenzphilosophen und Theologen Søren Kierkegaard. Die Bibel sei wie ein Spiegel. In ihr spiegelt sich meine Existenz wider, durch sie spricht Gott in mein Leben hinein.

Kierkegaard stellt uns nun vor die Frage: Was ist der Sinn eines Spiegels? Was sollen wir mit einem Spiegel anfangen?

Ist es unsere Aufgabe den Spiegel zu erforschen, mit welchen Kunstfertigkeiten sein Rahmen geschaffen wurde, welche Maße er hat und ob daran ein Lämpchen angebracht ist? Oder verfehlen wir mit der bloßen Erforschung des Spiegels nicht den wahren Sinn und Zweck eines Spiegels? Sollten wir nicht stattdessen aufrecht vor dem Spiegel stehen und unser eigenes Spiegelbild begutachten, darauf achten, was der Spiegel uns über uns selbst verrät?

Ebenso ist es mit der Bibel. Ihr Sinn und Zweck besteht nicht darin ihre Beschaffenheit zu durchleuchten, nach dem historischen Kontext zu forschen oder tausend verschiedene Übersetzungen, Auslegungen und Kommentare miteinander zu vergleichen, um am Ende zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass wir eigentlich keine einhellige Meinung über die Bibel finden können und sie daher getrost beiseite legen können bis sich eine herrschende Meinung herausgebildet habe.

Die Erforschung der Bibel zum Ziel meines Bibellesens zu machen verfehlt ihren Sinn und Zweck. Die Bibelforschung will mir Werkzeuge zur Hand geben, sie besser in ihrem eigentlichen Sinn lesen zu können. Sie ist aber noch nicht das eigentliche Lesen. Wie sollte ich auch nur ein Wort verstehen, wenn sie nicht wenigstens in die deutsche Sprache übersetzt ist? Selbstverständlich hilft es meinem Verständnis, wenn ich die historischen oder geografischen Begebenheiten kenne, von denen die Geschichten der Bibel erzählen. Aber diese Kenntnisse befähigen mich nur zu einem tiefgründigeren Lesen der Bibel, sie lesen die Bibel noch nicht.

In erster Linie will die Bibel mir ein Spiegel sein. Mein Leben reflektiert sich in ihr und aus ihr spricht Gott in meine Lebenssituation hinein. Die meisten Worte der Bibel sind keineswegs schwer zu verstehen, wenn wir sie einfältig wie ungebildete Kinder lesen und sie nicht in unserer theologischen Auslegungswut hin- und herschaukeln bis sie in unsere zeitgenössischen oder dogmatischen Weltanschauungen passen. Um ein „du sollt nicht stehlen“ zu verstehen brauche ich nicht tausend Kommentare, außer natürlich ich fühle mich durch das Gebot ertappt oder angegriffen und suche nach einem eleganten Weg mich aus dem Gebot herauszuwinden, ohne meinen Glauben in Frage stellen zu müssen.

Kierkegaard nennt eine einfache Methode, wie wir die rechte Lesensweise der Bibel erkennen können. Sie sei wie ein Liebesbrief in einer fremden Sprache. Selbstverständlich müssen wir den Liebesbrief übersetzen, so dass wir ihn lesen können. Nur die wenigsten können alt-hebräisch oder alt-griechisch von Kind an verstehen. Aber die Übersetzungsarbeit sei noch nicht das eigentliche Lesen. Sie ist nicht der Sinn des Liebesbriefes und jeder Liebende, der bereits einen erhalten hat, wird dies sofort bestätigen können. Das eigentliche Lesen beginnt erst, wenn wir mit der  Erforschung des Textes fertig sind, zumindest weit genug, um etwas darin verstehen zu können. Dann ziehen wir uns in unser einsames Kämmerchen zurück und lassen den Brief mit seiner ganzen Intimität auf uns wirken. Bleiben uns trotzdem noch einzelne Stellen des Briefes unverständlich, so fokussieren wir uns ganz auf jene Stellen, die wir verstehen, und wollen sie unserer Geliebten zu Liebe auf der Stelle real umsetzen. Erst wenn wir das getan haben, kümmern wir uns um die unklar gebliebenen Abschnitte und ob wir diesen nicht auf die Spur kommen können.

Die Bibel will nicht als etwas Historisches aus der Vergangenheit erforscht werden sondern als lebendiges Wort Gottes konkret in unser wirkliches Leben hineinsprechen. In ihr spiegeln wir uns, an ihm stoßen wir uns und treffen manchmal auf die belebende, freudeweckende, tröstende Liebe, aber auch den uns herausfordernden und hinterfragenden Willen Gottes. Wer Ohren hat, der höre…

 

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Veröffentlicht in Blog, Theologie
2 comments on “Die Bibel als Spiegel
  1. Reiner sagt:

    Weniger was ich im Spiegel sehe, sondern wie ich auf das Gesehene reagiere, ist das eigentlich spannende daran …

    Gefällt mir

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