Gemeinschaft als Dreh- und Angelpunkt

Im christlichen Leben geht es in erster Linie um Beziehungen. Der Dreh- und Angelpunkt der ersten Christen war ihre gegenseitige Gemeinschaft. Die Beziehungen zu Mitchristen spielten eine zentrale Rolle im Gemeindeleben. In dieser Gemeinschaft wurde das Doppelgebot der Liebe praktisch ausgelebt, vertikal zu Gott in Gebet und Lehre, horizontal in der Beziehung zu anderen Christen. Man bildete eine geistliche Familie. Alle  Christen, ganz gleich ob Judenchrist oder griechischer Heidenchrist, ob hellhäutig oder dunkel, nannten einander Bruder und Schwester.

Sie hatten noch keine Kirchen, in welche die Gemeinschaft ausgelagert und professionalisiert werden konnte. Die Judenchristen gingen zwar regelmäßig in den Tempel, solange er noch stand, oder in Synagogen, solange sie dort trotz ihrer ketzerischen Lehre noch akzeptiert wurden, gewiss übernahmen sie auch einige der liturgischen Elemente des jüdischen Gottesdienstes für ihre eigenen Gottesdienste, aber der Dreh- und Angelpunkt christlichen Lebens war die unablässige Gemeinschaft mit dem gemeinsamen Mahl in ihrem Zentrum. Dieses Mahl war zu Beginn auch noch ein echtes Abendessen.

Dies ging so weit, dass die urchristliche Gemeinde kein Privateigentum mehr kannte. Es existierte sozusagen nur ein gemeinsames Konto. Die urchristliche Gemeinde war der perfekte Kommunismus und der wahrscheinlich einzige der Menschheitsgeschichte, der tatsächlich über eine geraume Zeit funktionierte. Friedrich Engels nannte darum auch christliche Siedlungen als Beweis für ein funktionierendes kommunistisches System. In seiner Ignoranz erkannte er aber nicht die Rolle des Glaubens, der Fundament für den Erfolg dieser Vorbilder gewesen war.

In heutigen christlichen Gemeinden ist dieser Dreh- und Angelpunkt der Beziehungen leider sehr stark in den Hintergrund getreten. Moderne Gemeinden haben eine Vielzahl pompöser Angebote, eine großangelegte Marketingabteilung ist für die Mission zuständig, Predigten werden von modernsten Präsentationstechniken begleitet, der gemeinsame Gesang namens Lobpreis kann sich mit der ein oder anderen Pop-Band messen lassen. Aber auch die traditionellen Gemeinden haben eine Predigt in Monologform im Zentrum. Die Gemeinschaft besteht aus stillem Sitzen in einer Bank und gelegentlichem Aufstehen zum rechten Zeitpunkt. Am ehesten kommt man noch ein Mal im Monat beim Abendmahl in Kontakt mit anderen Menschen, während man den Kelch nimmt und zurückreicht.

Die christliche Gemeinde ist entweder ein Marktplatz vielseitiger frommer Aktivitäten  oder eine Veranstaltung, in der man lediglich als Einzelner in der Kirche vor Gott, in der Predigt vor Gottes Wort oder im Abendmahl an Jesus Tisch tritt. Doch bestand christliches Leben nie nur aus einem Einzelnen. Ein wichtiger und in der heutigen Zeit sehr wichtiger Teil des Glaubensbekenntnisses kommt leider viel zu kurz:

„Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen“

Diese Heiligen sind wir alle, die von Jesus durch unseren Glauben Geheiligten, wir alle, die wir Vergebung und Versöhnung und dadurch Einheit mit Gott erlangt haben. Aber wo ist unsere Gemeinschaft? Wie viele Worte habe ich in der Kirchenbank mit den Heiligen rechts und links von mir gewechselt? Und wann gingen diese Worte über bloßen Small-Talk hinaus? Worte sind dabei aber nur der Anfang, wie eine Familie sollten wir eine Einheit, ja gar einen gemeinsamen Leib bilden!

Ich habe dies in meiner Studienzeit erlebt. Damals wohnte ich in einem christlichen Wohnheim zusammen mit anderen Christen der unterschiedlichsten Konfessionen und Herkunftsländer. Orthodoxe Äthiopier, pietistische Deutsche, katholische Nigerianer, es war so gut wie alles vertreten. Wir bildeten als Wohnheim eine echte Gemeinschaft, wenigstens die meisten im Wohnheim. Wir wuchsen mit den Jahren zu einer Familie zusammen. Mein pakistanischer Nachbar war mein bester Freund, mein Seelsorger, ihm konnte ich meine Sünden beichten und mit ihm zusammen habe ich die Bibel und den Glauben in einer neuen Tiefe kennengelernt. Er war mein Bruder. Das war nicht immer sonderlich durchstrukturiert, wie wir es insbesondere als Deutsche gerne hätten, aber es war echt, es erlaubte tiefgründige Gotteserlebnisse, wir erfuhren Gott und uns gegenseitig.

Ich sehne mich nach echten Beziehungen und nicht nach durchorganisierten Programmen. Kann es nicht eine gute Theologie auf der Grundlage echter Beziehungen geben? In den urchristlichen Gemeinden schien Lehre und Gemeinschaft kein Widerspruch zu sein, die Gemeinschaft vielmehr Voraussetzung für alles weitere. Ich glaube viele unserer heutigen Probleme gründen auf dem Zusammenbruch tiefgehender Beziehungen. Bereits unsere biologischen Familien sind zerrüttet, Großfamilien existieren gar nicht mehr, Scheidungen sind an der Tagesordnung, der Job macht ständige Ortswechsel nötig, befristete Arbeitsverträge hindern uns langfristige Bindungen zu riskieren, das ökonomische Bewerten unserer Beziehungen setzt ein satanisches „Und was habe ich davon?“ gegen unkalkulierte Liebe. Die Folge sehe ich täglich bei der Arbeit: Depressionen, Burn-Out, Isolation, Einsamkeit, Zunahme psychischer Störungen, egoistische Verhaltensweisen…

 

 

 

 

Advertisements
Tagged with: , , , , , , ,
Veröffentlicht in Alltag, Blog, Theologie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: