Vom Sich-Loslassen

Kalter Nebel senkt sich nieder auf die großgewachsene Stadt, hüllt sie in einen dickflüssigen Schleier, dass man trotz des lauten Trubels die einzige Seele zu sein schien. Ich wate vorwärts, werde allmählich vom Dunkel des Nebels verschluckt. Schwarze Stiefel trommeln dumpf auf dem brüchigen Boden, der in gleichgültiger Starre zum Eingang führt. Nur Silhouetten schwach leuchtender Lampen wagen es meine Gestalt vorsichtig durchs gelbliche Grau hindurch zu offenbaren. In die Nebelauswüchse mischen sich faulige Dämpfe der Mülltonnen, die in den Seitengassen stehen. 

Es ist eine Wüste inmitten des sandigen Nebels, die von tausenden Einwohnern zu durchqueren ist. Trocken riecht die Luft nach Staub, der aus fernen Ländern hierhin verweht wurde. Ausgedürrt liege ich innerlich brach und verliere mich im Treibsand der Stadt, bis er mir zur Kehle reicht. Eingetunkt verschwimmt alles, das weiter als eine Hand weit entfernt ist. Aufgerissene Lippen laben sich an einer Feuchtigkeit, die nur in meinen Träumen  existiert. Ich kämpfe gegen das Versinken an, dorthin zu kommen, wo eine neue Seitengassen ihre Dämpfe verteilen kann. Ihre Lichter lockten mich zum Kampf, als ich sie noch erkennen konnte. Jetzt aber versickert meine Gegenwehr, wie Sisyphos bei seinem Aufstieg scheint sie mir. Muskeln schreien und ermatten, die Zeit setzt ihnen kräftig zu.

Die Stadt der Wüste lehrt mich Leere. Wohin ich mich auch wende, eine jede Ecke gleicht der anderen. Der Architekt schuf ein Labyrinth ohne Ziel. Hinter der Verwirrung vermute ich ein Rätsel, doch verstärkt es nur die Illusion. Erkannt von der Erkenntnis, falle ich in den Staub. Die Wüste ist nicht mein Feind, sie verbindet mich mit meinem Schicksal. Ich lasse es zu und daher los. Worauf ich untertauche und dem Tod erliege.


Eingetunkt unter das Meer meiner Tränen, die mir die Wüste schenkte, verstorben und begraben verliere ich, was mir so wichtig war und mich an die schillernden Lichter der Stadt band. Im Moment meines Todes erklingt ein neues Lied, die Straßen zu erleuchten. Ein reinigender Wind senkt sich vom Himmel herab. Den Augenblick meiner letzten Sekunde füllt der mystische Anblick vom Wind weggefegten Staubs. Auch die fernsten Höfe sind freigelegt.

Und dann ist die letzte Sekunde vergangen und ich bin nicht mehr.

Das neue Lied schallt aus allen Fenstern, wird von allen Einwohnern angestimmt, sie lassen fallen, was sie taten, und holen ihre Gitarren. Es ist ein neuer Geist in die Stadt eingekehrt. Ein Geist, der eine neue Wahrheit verkündet und sie von allen Dächern ruft. Ihr voraus ging eine Stimme in der Wüste. Sie verkündete, es käme, wie es kam. Und darum ist es so weit:

In ihm, der kam und seinen unwiderstehlichen Wind schickte, erhebe ich mich aus meinen eigenen Ruinen. Als eine neue Kreatur erwache ich aufs Neue, sauge die frisch gesäuberte Luft zum Triumph über den Treibsand tief in meine Lungenflügel. Wiedererweckt stehe ich in den Straßen, herausgerissen aus den Fängen des Todes. In mir auferstanden, lebt er, dort wo ich gewichen bin, ist er, ich bin jetzt in ihm mehr ich als je zuvor.

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?

So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.

Römer 6

 

 

 

 

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Veröffentlicht in Alltag, Blog
One comment on “Vom Sich-Loslassen
  1. ananda75 sagt:

    WOW!

    Toller Text !

    Gefällt 1 Person

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