Christentum und Demokratie

Wir haben den unermüdlichen Drang, die Welt zu erkunden und auf ihre Bedeutungen hin zu untersuchen. Aus dieser inneren Neugierde, welcher der menschlichen Seele inne wohnt, sind Wissenschaften und Religionen hervorgegangen. Die größten Errungenschaften bis hin zur Reise zum Mond werden von dieser inneren Motivation befeuert .
Aber sie ist auch Wurzel vieler Konflikte, denn in dem Wunsch sich die Welt begreifbar zu machen ist der Wunsch enthalten sie uns kontrollierbar zu machen. In der Neugierde, welche Bedeutung wohl allen Dingen zugrunde liege, versteckt sich der Wunsch Einblick in Recht und Unrecht, Gut und Böse zu erhalten und vielleicht sogar diese eigenhändig zu bestimmen. In dem Wunsch eine Bedeutung zu schaffen, kreierten wir um unsere Wertungen herum Traditionen und Rituale, welche diese über die Zeiten hinaus zementieren. Und wie der Mensch nunmal so ist, kennt er oft nur das Extrem und legt die seinige allgemeinverbindlich für alle fest.

Was liegt denn hinter Kleidervorschriften? Wir messen dem Stück Stoff, das uns rein funktional doch einst nur vor Wind und Wetter schützen sollte, eine tiefere gesellschaftliche Bedeutung zu. Neugierde lässt uns ergründen, welche tieferen Deutungen hinter Farbe und Form versteckt liegen könnten. Aber dieser Drang, hinter allem eine solche zu vermuten, lässt uns auch stets welche entdecken. Unser Ego die eigene Sicht als die einzige zu betrachten, bringt uns so weit sie auch auf andere auszudehnen. Und so haben wir die Burka, die je nach Ideologie entweder vor dem Mann schützt oder die Frau in Unfreiheit an ihn bindet. Wir haben Essensvorschriften, mit denen wir exakt wissen, wie die Gabel zum Mund und dass bloß nicht der Mund zur Gabel geführt werden darf.

Ist das nicht die Frucht, die in der Bibel von Eva so sehnsüchtig gegessen wurde? Der Wunsch Einsicht in Gut und Böse zu erhalten, noch tiefer aber, nicht nur Einsicht sondern so zu sein wie Gott und Gut sowie Böse selbst festzulegen. 

Es braucht einen Bruch mit den Werten der Welt und auch dem Wunsch der Bewertung der Welt, ohne aber das Böse zu verharmlosen. Das wiederum scheint ein unüberbrückbarer Widerspruch. Nietzsche verlangte die Umwertung der Werte, im Wissen darum, dass sie uns fesseln. Christlich gedeutet sind sie ein Ausdruck der Sünde und sogar selbst Befeuerer der Sünde. Doch Nietzsches Umdeutung alleine verfehlt das Ziel, denn sie verkennt, dass Böses nicht nur eine willkürliche Festlegung des Menschen sein kann, sondern auch als objektive Macht und Person existiert.

Aus diesem Dilemma kommen wir nur heraus, wenn wir unseren Blick auf den vorausgehenden Jesus richten. In seine Fußstapfen tretend und ihn imitierend vermeiden wir das Böse, ohne selbst der Versuchung zu erliegen eigene Werte zu schaffen, mit denen wir die Welt geißeln könnten.

Das aber ist theologisch-theoretisch gesprochen. Wie soll es praktisch aussehen, insbesondere in einer pluralistischen, zunehmend unchristlichen Umgebung? Reibt sich dann meine Nachfolge nicht automatisch mit anderen Werten, die entweder mich übermannen oder die ich als Geißel an meine Einsichten fessele?

Wahres Christentum hat als Antwort die Tugend der Liebe zum obersten Gebot. Und Liebe, wie im Korintherbrief definiert, bläht sich nicht auf. Ein Christ kann seine Werte anbieten, aber niemals darf er sie aufzwingen.

Wie könnte er dann aber in der realen Welt je ernsthaft an Verfahren wie der Gesetzgebung mitwirken, ohne sich über andere zu stellen? Müsste er passiver Beobachter bleiben?

Das führt uns zur Demokratie und einem liberalen Staatsmodell. Seine Prinzipen kann der Christ nämlich in einer mehrheitlich nichtchristlichen Gesellschaft nur durch das Demokratieprinzip verwirklichen. Durch dieses kann der Christ die Nachfolge antreten, ohne sich aufzublähen. Er kann Vorstellungen und Werte seines Glaubens in den demokratischen Diskurs einbringen. Vorteile seiner Ansichten kann er bewerben, Begründungen ausformulieren und auf die geistliche Sicht hinter der materiellen Welt hinweisen, aber auch Nachteile soll er nicht verschweigen. Letztendlich  obliegt die finale Entscheidung dem souveränen Volk, ob es diese Sicht der Dinge annimmt oder sie ablehnt.

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8 Kommentare zu „Christentum und Demokratie

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  1. Demokratie find ich ein sehr schwieriges Thema…
    Ich helf mir da immer aus mit dem bekannten Satz – nicht die ideale Staatsform, aber die beste, die wie haben…
    ich mein, guck dich doch mal um, in der ganz normalen Welt, egal wo, im Straßenverkehr, beim einkaufen, die Mehrheit … mehr sag ich jetzt mal lieber nicht dazu….

    Politik, Partei-Politik, Personen-Politik – das kann letztlich auch nicht alles sein
    Ja, Trennung von Staat und Kirche würd ich dann doch mal lieber beibehalten 😉
    Was wir brauchen ist so was:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Weltethos
    oder so ähnlich
    … und einen, der alle in den Hintern tritt, die sich nicht daran halten 😉

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    1. Demokratie hat halt nicht zum Ziel das beste oder schnellste Ergebnis zu erzielen. Ziel ist es Macht so zu verteilen, dass es am schlechsten missbraucht werden kann. Eine gute Demokratie setzt allerdings einen guten Minderheitenschutz voraus und muss wehrhaft gegenüber ihren Gegnern sein.

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      1. Ja Demokratie führt nicht zum besten Ergebnis.

        Aber Demokratie verhindert, dass der schlaue Technokrat den Dummen zwangssterilisieren lässt, um auf diesem Weg die Intelligenz der nächsten Generation zu steigern.

        Schlauheit wäre kein gutes Kriterium unsere Führer auszuwählen. Wenn ich da an die moralischen Ergüsse mancher meiner, sehr schlauen Professoren denke…

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    1. Mir fällt dazu nur das Wissen um die kritsche Masse ein. Es scheint mir eine Antwort zu sein. Klar und ruhig die eigenen Werte leben und vertreten. Und zu Gleichgesinnten Verbindung suchen und halten! Das tun wir ja gerade. Das hütet das Leben. Lieben Gruß Euch Beiden.

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