Überwindung des Christentums

Zu überwinden ist dabei allerdings nicht das Christen sondern der kleine Suffix -tum.

Wir benötigen keine Rituale und auch keine Häuser aus Stein, keine goldenen Statuen und schon gar nicht Prinzipien und Regeln. Unser Glaube orientiert sich an Christus, den wir als lebendige Offenbarung Gottes erleben und dem wir in unserem Nächsten begegnen. Die Orientierung des Christen an dem Christus ist damit immer eine Ausrichtung auf Menschen, den menschgewordenen Gott und die Menschen um uns herum.

Jesus selbst war Jude und kannte als solcher zwar Regeln, aber sein Leben bestand nicht in deren blinden Befolgung. Für ihn waren die religiösen Regeln kein Selbstzweck sondern verfolgten einen höheren Sinn, den Menschenwillen mit Gottes Wille zu vereinheitlichen. Regeln waren daher stets deutungsbedürftig. Der gläubige Mensch muss sie in sein tägliches Leben übersetzen und dafür im Vorfeld deuten. Diese Übersetzung hat allerdings nicht nach politischen oder gesellschaftlichen Moden sondern nach Gott zu fragen.

Das -tum erzeugt entweder die Institutionalisierung des Glaubens in einer Organisation, in Ritualen oder in sog. christlichen Werten oder Prinzipien, dem was biblisch oder kirchlich zu glauben ist. Oder es fordert christliches Leben zum Objekt zu machen, in dem ich das Subjektive meines Glaubens wegdenke und es betrachte, kritisiere, diskutiere als sei ich kein Teil davon oder zumindest von dem eigenen Subjektiven so weit abstrahiere, dass ich zwar Teil davon bin aber sprechen kann als könnte ich mich von außen betrachten. Eben genau so, wie ich es hier und jetzt tue.

Das befreiende an meinen Glauben aber ist, dass ich in Freiheit hineingeboren werde und Gotteseinung im Heiligen Geist erleben darf. Mein Glaube umschließt eine zutiefst spirituelle, d.h. vom Geist eingegebene Erfahrungswelt. Ich richte mich nicht nach einem Prinzip aus, nach welchem wie beim Karma positive oder negative Punkte gesammelt werden können, nach denen ich meine Handlungen kalkulieren muss, um im nächsten Leben eine höhere Kaste zugewiesen zu bekommen. Ich richte mich nicht nach starren Geboten, die mir immer und ausnahmslos den Sabbat gebieten, so dass auch für die Heilung eines Menschen kein Raum mehr bleibt.

Mein Glaube orientiert sich an echten Menschen mit ihrer ganzen Vielfältigkeit, ihren Stärken und Schwächen. Er kann sich flexibel auf die einzigartigen Begebenheiten anpassen. Ich habe die Möglichkeit Gott als Person zu begegnen und ihn konkret in meine Situation hineinsprechen zu lassen. Ich brauche keinen Taschenrechner meinen Karma-Stand errechnen lassen, ich kann im Gebet Gott als HERR fragen, worin sein Wille besteht. Der eine lebendige Gott antwortet individuell, wie Jesus es tat, nicht maßgeschneidert mit einer für alle Situationen jederzeit gleichen Vorgehensweise.

Ich muss allerdings aufpassen, Gottes Reden nicht mit meinen Wunschvorstellungen meiner eigenen inneren Stimme zu verwechseln. Hierfür braucht es Erfahrung, das geschieht erst mit der Zeit, es braucht viel Geduld und man muss mit sich selbst versöhnt/im Reinen sein.

Das Christen vor dem -tum bedeutet vom Objekt ins Subjektive zu kommen. Ich rede nicht über sondern mit Gott. Ich höre nicht auf abstrakte Lehren und Ideale sondern auf das individuelle Sprechen Gottes.

Dieser Gedanke ist keineswegs neu, viele Strömungen im Christentum lehren sie, pietistische wie charismatische, ökumenische, nicht-denominationale, usw.usf.
Aber auch diese stehen in der Gefahr, die Lehre zum Objekt zu machen. Christentum kann sich an eine Gemeinde oder Organisation knüpfen, ein Christ ist immer ein Mensch – und nichts sonst – im Geflecht mannigfaltiger Beziehungen, an denen sich sein Glaube äußert.

Ich nehme mir mein Vatersein zum Vorbild. Natürlich kann ich viele Bücher über Erziehung schreiben, aber Vater zu sein, bedeutet meinem Kind in die Augen zu blicken, es hochzunehmen und zu trösten, wenn es schreit, es als mein Gegenüber zu begreifen und damit umzugehen, Tag für Tag aufs Neue zu suchen, was es möchte und was es braucht.

Deine Stimme erschallt über den Hügeln meiner Kleinstadt, die Weinberge in sich aufnehmend, die Trauben gebärend. Sie versetzt mich in Staunen, wie sanftmütig und stark sie ist, die Gegensätze in sich versöhnend. Frei hast du mich gemacht, frei ich zu sein und dich zu sehen, frei zu lieben, wie nur du liebst. Ich berge mich in dir, um Schutz zu suchen, welchen Rat willst du mir heute erteilen, weiß ich doch oft nicht und über nichts wirklich Bescheid. Lass mich bitte doch nicht straucheln, dass ich stark bin, andere mitzutragen und ein Vater werde, wie du es mir zeigst. Sag mir: Wohin gehst du? 

 

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Veröffentlicht in Blog, Theologie

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