Ihr habt geschmeckt

„Ihr habt ja geschmeckt, dass der Herr freundlich ist“ 1. Petrus 2,3

So lautet die Losung des heutigen Tages.

Lasst mich diesen Vers noch in seine umlegenden Verse einordnen. Auf diese werde ich später zu sprechen kommen:

„Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause“

In unserer Losung haben wir geschmeckt, sie spricht von einer sinnlichen Erfahrung, die wir mit Gott machen. Sofort kommt mir hier das Abendmahl in den Sinn. Wenn wir uns gemeinsam an einen Tisch setzen und einander das Mahl teilen, ein Mahl, bei dem der Herr mit uns isst, gegenwärtig mitten in unserer Gemeinschaft, dann schmecken wir in diesem Moment seine Freundlichkeit. Wohlwollend lächelt ER uns vom anderen Tischende zu. Das ursprüngliche Abendmahl der ersten Gemeinden, zu denen Petrus spricht, war dabei mehr als der Ritus, den wir aus den heutigen Kirchen kennen, es war ein richtiges Abendessen. Für die Armen unter den Gemeindemitgliedern war das Abendmahl vielleicht die einzige Mahlzeit des Tages. Als Mahl der Liebe (Agapemahl) schweißte diese die Jünger zu geistlichen Brüdern und Schwestern zusammen. Die Gemeinschaft untereinander als Gleiche unter Gleichen und die Gemeinschaft mit Gott bestimmte die Erfahrung jener ersten Abendmahle.

Eine zweite Assoziation, die mir in den Sinn kommt, entnehme ich aus dem Alten Testament. Hesekiel verspeist in einer Vision die Schrift Gottes und sie schmeckt ihm süß wie Honig (Hesekiel 3). Auch hier wird ein guter Geschmack mit dem HERRN verknüpft. Diese Stelle lässt sich wiederum in einen noch größeren Kontext einordnen und neutestamentlich deuten. Denn erinnern wir uns daran: Jesus ist nach Johannes das fleischgewordene Wort Gottes. Isst Hesekiel das Wort Gottes, so ist dies eine Vorwegnahme des süßen Weins des Abendmahls.

Was Petrus mit der Betonung von Gottes Feundlichkeit proklamiert ist das Ende des Zornes Gottes. Dieser gehört der Vergangenheit an. Das Kreuz hat eine neue Wirklichkeit geschaffen: Die Zeit der Gnade bricht in unsere Welt durch, die Freundlichkeit Gottes wird gar sinnlich erfahrbar.

An dieser Stelle möchte ich nun die Losung um jene vorweggenommenen Folgeverse erweitern. Petrus spricht von lebendigen Steinen, unter denen Christus als Anspielung auf Texte des Alten Testaments der alles zusammenhaltende Eckstein ist. Jesus hatte bereits zu Lebzeiten vorhergesagt, dass der Tempel in Jerusalem zerstört werden würde. Auch dieser Hintergrund schwingt in Petrus Worten unterschwellig mit. Der Sinn des Tempels war mit der Kreuzigung und mit Pfingsten nämlich erfüllt worden, er hatte seine Schuldigkeit als Haus Gottes getan. In Folge der bevorstehenden Zerstörung des Tempels würde Gott aber nicht etwa ein neues, vielleicht gar noch schmuckhafter dekoriertes Gotteshaus aus Steinen fordern. Die neue Wirklichkeit erlaubte vielmehr jene prophezeite Ausschüttung des Heiligen Geistes. Sie erlaubte es einen ganz andersartigen Tempel zu errichten, der aus lebendigen Steinen besteht.

Erinnern wir uns an Hesekiel, dem die Schriftrolle süß schmeckte. Diese süße Schriftrolle, das von Moses niedergeschriebene Wort Gottes, war nur ein Vorgeschmack, nur ein Wegweiser auf eine größere Realität: In Jesus wurde das Wort Gott Fleisch, der bis dato tote Buchstabe wurde in einen lebendigen Menschen eingegossen. Dasselbe geschieht hier mit dem Tempel. Der alte Tempel aus toten Steinen war nur ein Vorgeschmack, ein Wegweiser. Gottes wahrer Tempel würde nicht mehr nur aus leblosen Objekten bestehen sondern aus lebendigen Steinen, aus Menschen. Die Gemeinde und ihre Mitglieder sind auserkoren der fleischgewordene Tempel Gottes zu sein. Der Tempel Gottes ward Fleisch und wandelte mitten unter uns. Das ist das Todesurteil für alle leblose Religiosität, für Gotteshäuser aus Stein, Statuen aus Gold, Quader, Armulette und alle anderen leblosen Objekte oder Riten. Gott lebt nun mitten unter uns, durch Christus in uns, seinem neuen Tempel.

In meinem nächsten Gedanken gehe ich nun einen Schritt weiter, im Kreis zurück zum Anfang des Beitrags.

Was zeichnet ein jegliches Haus aus? Dass die Steine nicht meilenweit voneinander entfernt liegen, sondern dicht an dicht feste Mauern bilden. Aus den lebendigen Steinen wird erst ein Tempel, wenn sie sich in enger Gemeinschaft zusammenfinden. Eine Gemeinschaft, für welche das gemeinsam zelebrierte Abendmahl – im Gegensatz zur heutigen Praxis – in den ersten Gemeinden ein mächtiges Sinnbild war. Das gemeinsame Essen ist in orientalischen Kulturen bis zur heutigen Zeit Fundament für Gemeinschaft. In der Antike gab es außerhalb der Gemeinden keinen anderen Ort, an dem Arme und Reiche, Sklave und Freier gemeinsam zu Tisch saßen. Das Abendmahl vereinte über alle Grenzen des Standes, Berufs oder der Herkunft hinweg.

Dreh- und Angelpunkt der Gemeinde sind zwei Aspekte: Anbetung des einen wahren, einzig lebendigen Gottes. Und die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander. Der erste Punkt wird auch in heutigen Gemeinden in zahlreicher Vielfalt von kunstfertigem Lobpreis bis ehrfurchterregenden Kathedralen meisterhaft umgesetzt. Die Gemeinschaft aber wird dabei leider allzu oft schwer vernachlässigt. Sie beschränkt sich oft auf das gemeinsame Hören der Lehre, einer Predigt oder einer Lesung. Die Kirchen tappen damit in das moderne Gift unseres Zeitgeistes: Dieser versucht unsere Gesellschaften in Millionen und Milliarden von einander unabhängig lebender Individuen zu atomisieren. Und es gelingt: Selten fühlten sich so viele Menschen so alleine wie heute … dabei leben heute so viele Menschen gleichzeitig nebeneinander wie die Jahrhunderte zuvor über die Generationen hinweg in Summe aufaddiert.

Die Gemeinde Christi muss wieder zum Leben erwachen, in dem es echte, bedeutungsvolle Beziehungen wiederentdeckt. Der christliche Glaube ist ein Glaube in Beziehungen, die Beziehungen zu Gott und die Beziehungen der Menschen untereinander sind wie ein Netz eng miteinander verwoben. Ohne liebevolle Beziehung auch kein gottgefälliger Gottesdienst. Wir Christen sind einander Bruder und Schwester. Viele meinen das gelte nur für Ordensmitglieder, für Nonnen und Mönche, die sich Bruder oder Schwester nennen, aber es ist eine Weltanschauung, die genauso für uns gilt: Wie tief sind die Beziehungen in meiner Gemeinde tatsächlich? Wie bekomme ich eine so bedeutungsvolle Gemeinschaft hin, dass ich die anderen Kirchgänger mit vollem Ernst Bruder oder Schwester nennen kann? Und das nicht nur als fromme Begrifflichkeit sondern aus tiefst empfundener Liebe.

Es kann nur gelingen, in dem wir die Liebe als höchste aller Tugenden wiederentdecken und alle unsere Werke durch sie filtern!

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Veröffentlicht in Blog, Theologie
One comment on “Ihr habt geschmeckt
  1. Sehr gut beschrieben. Das schöne am christsein ist doch, dass wir egal wo wir auf der welt sind. Brüder und Schwester haben. Ich glaube desshalb, dass die gastfreundschaft auch einen wichtigen teil für die gemeinschaft ist. Sind unsere türen offen, oder verstecken wir uns dahinter?

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