Keuschheit

Wir kommen hiermit zu der für den modernen Leser altmodischsten Frucht des Heiligen Geistes. Die längst aus unserem Wortschatz verbannte Vokabel heißt Keuschheit, im biblischen Sinn geht diese aber über das Sexuelle hinaus und wird daher auch mit Selbstbeherrschung übersetzt. Sie ist eine sehr wichtige Eigenschaft, die keineswegs  Lustlosigkeit oder Freudlosigkeit bedeuten darf. Man bedenke hierbei nämlich, dass Freude ebenfalls eine der Früchte des Heiligen Geistes ist und eine überaus wichtige.

Es lohnt sich aber Keuschheit nicht einfach als altmodisch bei Seite zu werfen. Echte Tiefe erlangen Beziehungen erst, wenn sie verbindlich und sicher sind. Dafür brauche ich ein stabiles Haus und viel Zeit, dazu gehört auch die Selbstbeherrschung Dürren zu überwinden und mein Ziel niemals aus den Augen zu verlieren, ausdauernd und diszipliniert über die Zeiten hinweg in dieselbe Richtung voranzugehen.

Genau genommen geht hier der von Gottes Geist ergriffene Christ einen Schritt Richtung Freiheit. Das mag im ersten Moment abstrus klingen, verweigert er sich doch die Freiheit der kurzfristigen Lustgewinnung oder eines flotten Kurswechsels. Folge seiner Erlösung besteht darin, sich aller Fesseln zu entledigen. Darunter befinden sich auch die Fesseln seines natürlichen Wesens. Wie sonst sollte er frei werden, wenn er noch immer Getriebener wäre? In unserem natürlichen Wesen sind wir oft wie ein Fähnchen im Wind. Die eine Böe weht uns nach Osten und die nächste in den Norden. Der Kurswechsel ist kein lange überdachter, sondern ein in Unfreiheit erzwungener. Sklave der eigenen Natur ist der Mensch.

Selbstbeherrschung soll unsere Energien fokussieren, wir bündeln unsere Kräfte und richten sie zielorientiert aus. Als Getriebene unserer Triebe würden sich unsere Energien ziellos in alle Himmelsrichtungen zerstreuen, jeder noch so kleine innere Impuls gäbe uns eine neue Richtung, woraufhin wir uns ins Unendliche zerstückeln bis nichts mehr übrig bliebe, das wir „uns selbst“ nennen könnten. Wir wären auf Ewigkeiten verdammt endlos vielen, stets neuen Zielen hinterherzurennen, ohne je auch nur ein einziges zu erreichen.

Dass Selbstbeherrschung mit Lust- oder Freudlosigkeit assoziiert wird liegt an der frommen Verzerrung, die insbesondere unter Missbrauch dieser Charaktereigenschaft tiefe seelische und körperliche Wunden verursacht hat. In ihrer fromm-religiös entstellten Form ist sie ein Werk, das der Mensch aus eigener Anstrengung zu verrichten versucht. Da der Mensch aber aus eigener Kraft unmöglich seiner eigenen Natur entfliehen kann ist dies ein sowohl sinnloser wie auch selbstzerstörerischer, ja gar selbsthassender Versuch, der letztendlich immer zum Scheitern verurteilt sein muss…aber nicht ohne vorher einen großen Scherbenhaufen zu hinterlassen.

Die verzerrte Form der Selbstbeherrschung bedient sich der griechischen Philosophie, die  bei Platon einen dualistischen Widerspruch zwischen dem heheren Geistlichen und dem niederen, zu beherrschenden und letztlich zu überwindenden Natürlichen sah. Das ist keineswegs eine biblische Ansicht. Die Bibel betrachtet den Menschen stets als eine Ganzheit, der Mensch wurde von Gott als Einheit geschaffen.

Die wichtigste Erkenntnis in diesem Kontext ist: Die Selbstbeherrschung, von der ich hier schreibe, ist eine Frucht des Geistes Gottes. Die Werkgerechtigkeit des frommen Menschen versucht die Frucht zu erzeugen oder etwas zu schaffen, das der Frucht möglichst ähnlich sieht, ohne aber vorher den Baum zu pflanzen, der alleine die Frucht hervorbringen kann. Nicht des Menschen Werk sondern der Baum bringt Früchte. Nur der wahre Weinstock bringt gute Trauben (Joh 15,5).

Göttliche Selbstbeherrschung ist nicht gegen die Natürlichkeit des Menschen und gegen seine Triebe gerichtet. Vielmehr geht es darum die Natürlichkeit des Menschen mit all seinen Auswüchsen zu heilen und mit Gott wiederzuvereinigen. Der Mensch existiert seit dem Sündenfall in einer entstellten Form. Erst wenn er sein Selbst in Gott einbettet und somit „in ihm“ lebt, wird das wirkliche Selbst des Menschen wiedergeboren. Es wird ihm die Freiheit geschenkt wieder der Mensch zu werden, der er in Wirklichkeit ist – d.h. in der einzig wirklichen Wirklichkeit, der Wirklichkeit Gottes. In Gott wird ihm echte Freiheit zuteil. Ich erwecke mein wirkliches Selbst in Gott zum Leben.

Es ist nicht ich, der sich gegen meine Triebe wehren und diese irgendwie bezwingen muss. Vielmehr erlange ich Kontrolle über mich, wenn ich von mir selbst ablasse, mich loslasse und mich ganz Gott übergebe, er ist es , der mein Selbst beherrscht … und doch beherrsche dadurch ich mein Selbst, der ich „in IHM“ bin.

Zweck der Selbstbeherrschung und Keuschheit besteht darin mich wieder fokussieren zu können, auf das wirklich wichtige im Leben. Was das ist, zeigt mir Gott. Ein Ziel kann darin bestehen andere Menschen frei von eigenen Egoismen wahrzunehmen und mich ihnen zu versprechen.

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9 Kommentare zu „Keuschheit

Gib deinen ab

  1. Wichtig ist hier die Frei-Willigkeit
    Man muss an den Punkt kommen, das zu wollen – dann natürlich auch Disziplin und so… aber von Innen muss es kommen, nur dann kann es Frucht tragen
    Mir fällt z.B. Ghandi ein – Der hatte keinerlei religiöse Verpflichtung dazu und war glücklich verheiratet – und doch hat er sich irgendwann für Keuschheit entschieden, weil ihm etwas anderes wichtiger war
    Als Gegensatz dazu z.B. Jugendliche in der westlichen Welt – lass sie sich doch erst mal austoben 😉

    Von mir kann ich nur sagen – Ich hab mich ausgetobt und jetzt, seit kurzem erst – versteh ich überhaupt, was der Sinn – Ja, sogar des Zölibats sein kann
    Wenn du ständig betest und meditierst und dich mit Yoga, Buddhismus etc… beschäftigst, dann verändert sich etwas in dir…

    Im Buddhismus gibt es ja auch irgendwo auf dem 8-fachen Pfad die Meditation über den menschlichen Körper – man stellt sich die Menschen vor, wie sie innen drin aussehen – Blut, Knochen, Gedärm … 😉 …. bei mir ist das irgendwann ganz von alleine passiert, ich hab erst dann beim lesen „zufällig“ entdeckt, dass das ein Schritt auf dem Buddhistischen Weg ist … und man kann sich vorstellen…. wenn du rum läufst und siehst was bei den Leuten unter der Haut ist…. 😉

    Liebe Grüße in’s Neue Jahr ❤

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    1. Gerade deinen ersten Sätzen stimme ich voll und ganz zu.

      Aber deswegen halte ich das katholische Zölibat wie auch den buddhistischen Weg für falsch.

      Die erkennen beide natürlich etwas Richtiges, machen daraus aber ein Gesetz, sie pauschalieren, machen daraus inen frommen Zwang. Dadurch kommt es eben nicht von Innen und nicht von Gottes Geist, sondern von außen, von der Philosophie/Dogmatik.

      Paulus hat seine Ehelosigkeit selbst gewählt, nirgends sagt er das müsse für alle gelten. Das galt nur für ihm. Im Gegenteil gibt er ein Mal sogar den Rat bei der Auswahl des Bischofs darauf zu achten, ob er ein guter Familienvater ist.

      Ich bin da ganz bei Bonhoeffer. Gott führt jeden individuell. Man kann weder den Weg des Mönchs zum Gesetz machen, den Gott ins Kloster und ins Zölibat führt,noch den Weg Luthers, den Gott raus aus dem Kloster in die Welt und in die Ehe führt.

      Keuschheit ist in beiden Wegen wichtig, bedeutet aber für jeden etwas anderes. Bei dem einen das Zölibat, beim anderen die Treue in der Ehe, bei Bonhoeffer dass er 1939 nicht in den USA blieb sondern zurück nach Deutschland heimkehrte,… Letztendlich geht es darum den für jeden unterschiedlichen Weg Gottes anzunehmen und darin sich selbst und Gott treu zu bleiben

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  2. Ich finde auch, dass es wichtig ist, solche Entscheidung freiwillig zu treffen.
    Ich finde aber auch nichts verwerfliches daran, seinen Trieben und Wünschen, welcher Art auch immer, nachzugeben. Es sollte nicht rücksichtslos sein, gerade beim Sex ist ja beides möglich: einerseits kann es die Partnerschaft deutlich stärken, eine innere Vertrautheit der Partner entwickeln, die sonst kaum möglich ist. Aber auch genau das Gegenteil ist möglich, alles kann kaputt gemacht werden.
    Und wenn man keusch leben möchte, sollte es der Partner bzw. die Partnerin auch wollen.

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    1. Ich verstehe das auch nicht so, dass man in einer Partnerschaft sexlos leben soll. So etwas ist meiner Meinung nach sicher nicht im Sinn des Schöpfers.

      In einer Partnerschaft kann es bedeuten, dass man sich auf den einen Partner fokussiert…dort dann aber sich mit voller Intensität investiert 😉

      Ich verstehe Keuschheit/Selbstbeherrschung im Sinn von Fokussierung im Gegensatz zu Zerstreuung.

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    2. Ich denke, eine Partnerschaft keusch (hier sexlos) zu leben, hat nichts mehr mit Ehe zu tun. Das ist dann mehr eine Freundschaft oder WG. Eine Ehe schließt die Sexualität mit ein („ein Fleisch sein“). Unter keusch verstehe ich genauso wie Utopio, die Fokussierung auf den Ehepartner. Hat man den nicht, dann eben warten 😉

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      1. Selbstbeherrschung ist daher eigentlich die bessere Übersetzung für das griechische Urwort. Keuschheit ist zu sehr aufs Sexuelle bezogen und passt nicht auf die eheliche Situation und auf Nichtsexuelles.

        Ich hab Keuschheit gewählt weil das Wort heute so ein No-Go ist, dass es als Überschrift wieder interessant wird :p

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