Verletztes Kind

Irgendwo tief in mir gibt es auch dieses, wie die meisten Menschen, die ich kenne, ein solches in ihrem Herzen tragen. Es macht sich selten bewusst spürbar, lenkt vielleicht heimlich im Verborgenen die ein oder andere Kommunikation gegen die Wand. Aber da mein verletztes Kind nicht durch schwere Traumata ein krankhaftes Ausmaß angenommen hat, kann es sich meistens unbeachtet im Dunkeln verstecken. Aber doch kann ich es nicht verleugnen. Ich weiß ganz genau, suchte man nur sorgfältig genug, man fände diesen Schatten, wessen Ursprung er auch immer haben mag…vielleicht ist er in unserer gefallenen Welt in allen Menschen irgendwo tief verborgen.

Es gibt Momente, die das verletzte Kind triggern. Dann kommt urinstinktives Verhalten zum Vorschein, das bedeutet bei den meisten Menschen entweder kämpfen oder fliehen. Wenn ein Mann plötzlich aggressiv wird und mit übertriebener Lautstärke reagiert, wurde vermutlich sein verletztes Kind getriggert. Bei mir ist es eher ein Fluchtinstinkt, der Wunsch sich einfach nur im Bett zu verkriechen. Angstgefühle können bei stärkeren Triggern eine weitere Begleiterscheinung sein. Trigger können Aussagen sein, in denen ich mich als unzureichend wahrnehme, es können Situationen sein, in denen ich mich wieder wie ein Alien unter Menschen empfinde. Irgendwie bin ich, denke ich, empfinde, spreche … ich anders als andere. Heutzutage sind dies zum Glück nur kurze Augenblicke, die so schnell gehen wie sie gekommen sind. Je älter ich werde, je mehr weiß ich, was ich kann und was nicht, je verwurzelter bin ich und kann auf Vergangenes zurückblicken. Und dann ist da noch meine liebevolle Frau und mein Kind, die mich mit ihrer Liebe umgarnen. Als Jugendlicher war es schwerer. Als suchender Single Mann in dieser seltsamen Welt war es schwerer. Selbst wenn man es mir anböte, ich wollte nicht wieder zurück und ein Jugendlicher sein und auch kein Mann mehr, der noch auf der Suche nach einer Frau ist.

Dann ist da noch mein Glaube, der mich vor einigen Jahren zu dem Schluss brachte: Eigentlich könnte alles um mich herum vergehen, mit Gott bei mir könnte ich es überstehen. Ehe ich meine Frau kennenlernte, kam die Aussage in mir hoch: Und jetzt könnte ich Mönch werden und würde nichts vermissen. Ich denke das eine bedingte das andere. Erst diese innere Freiheit, machte mich frei genug für die Ehe. Denn die Beziehung war aus keiner Verzweiflung des Nicht-Alleinsein-Könnens geboren worden. Der innere Schritt, sich notfalls auch selbst  genügen zu können, wenn nur Gott bei einem ist, hat eine unheimlich befreiende Wirkung. Man wird gereinigt von Ängsten, man kann plötzlich auch alleine glücklich werden, und einfach nur sein, wer man ist … in Gott.

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14 Kommentare zu „Verletztes Kind

Gib deinen ab

  1. Ja und Nein … hab ich heute noch was zu geschrieben… siehe dort…

    der Unterschied liegt wohl in
    „Aber da mein verletztes Kind nicht durch schwere Traumata ein krankhaftes Ausmaß angenommen hat“
    und damit darin, dass bei dir kämpfen oder fliehen funktioniert.
    Die Lösung liegt immer in Gott, aber in meinem Fall z.B. musste er mich nehmen und in eine solche Situation schmeißen, die mich zwang, Maßnahmen zu ergreifen….

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    1. Ja, da sind Menschen aber auch unterschiedlich. Kämpfen oder Fliehen sind halt die typischen Extreme, aber letztlich entwickelt jeder – auch abhängig von der Situation – andere Reaktionen/Muster.
      Ich denke da nur an Jona, da hat Gott dann eben nen Wal gebraucht. Ich würde trotzdem dafür beten, dass vielleicht auch schon ein Delfin genügt. 😉 :p

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      1. ich glaub, das kann man sich nicht wirklich vorstellen, wie das ist, wenn man das nicht kennt…. ich weiß jedenfalls, dass mich in der Beziehung nur Menschen verstehen, denen es genau so geht… und das ist – sorry, is nich böse gemeint, aber auch nicht wirklich lustig… ich meine, guck dir doch meine Geschichte an – das war und ist zwar letztlich alles gut so wie es ist, aber meinst du, so was macht Spaß?

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      2. Sicher macht das kein Spaß. Und verstehen kann ich es auch nur im Rahmen dessen, was ich aus deinen Beiträgen nachempfinden kann. Und da bin ich im Gebet bei dir. Gott kann das verstehen was ich nicht kann.

        Ich versuche daher wenn möglich immer in irgendeinem Satz, wie von dir zitiert, medizinisch relevante Fälle auszuklammern. Die sind oft auch einfach komplexer als sie pauschal auf eine Ursache herunterzubrecheb. Weder habe ich die medizinische noch seelsorgerische Ausbildung um darüber etwas fundiertes sagen zu können. Und die sie haben werden es auch nicht übers Internet tun sondern immer auf persönliche Kontakte verweisen.

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      3. Danke – Ich dachte gestern Abend dann auch – Ich bin da einfach ein bisschen empfindlich, was diese Themen angeht…
        Die Spitze waren Witze über Trauma-Therapie in der Würstchen-Werbung – da möchte man dann rein schlagen…
        Aber auf deinen Text bezogen war das ein wenig über-reagiert von mir, das wurde mir dann selbst klar und inzwischen kann ich auch schon wieder über mich lachen 😉

        Lieben Gruß ❤

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      4. Verstehe ich. Ich wollte da keinen Wunden Punkt treffen, nur dass Gott dich vielleicht nicht unbedingt immer in solche Situationen schmeißen muss. Das ist ja schon heftig.

        Passend zum Thema bin ich heute auf dem Schönblick zum Thema Trauma. Weil meine Frau ist selbst in Seelsorge und da wollte ich auch mal zumindest im Groben etwas die Hintergründe zu Traumata und Traumatherapie hören. Eben um vielleicht nicht so schnell zu triggern.

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      5. 1. Mach aus dir heraus, wie es kommt – Die Bedeutung legt prinzipiell der Empfänger fest – Du weißt eh nicht, was du bei wem womit auslöst

        2. Ja – Nicht noch mal!

        3. Traumata ist auf jeden Fall ein interessantes Thema, aus dem man auch viel lernen kann auch für’s „normale“ Leben – Mechanismen, wie der Mensch funktioniert…

        4. „Klassische“ Trauma-Therapie… hmmm…. sag ich mal nix zu, halte ich aber nicht viel von… kenne auch Menschen, die das machen und sehe ja, wie’s denen damit geht…

        Vielleicht magst du ja berichten, was du heute erlebt hast
        Wünsche dir auf jeden Fall einen guten Tag ❤

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      6. Wenn Du weder kämpfen noch fliehen kannst – fließe.
        Den Satz heben ich vor vielen Jahren einmal gelesen und noch heute erinnere ich mich oft an diese Worte. Immer da, wo ich machtlos bin.

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  2. Nur noch mal zum Verständnis – mir ist schon klar geworden, dass es darum hier nicht ging, aber das trifft es so genau in’s Schwarze

    „Wenn Du weder kämpfen noch fliehen kannst – fließe“

    Eben das funktioniert ja ab einem gewissen Grad der Störung und in gewissen Situationen einfach nicht mehr.
    Das ist die dritte Alternative zu fliehen und kämpfen – die Erstarrung.
    Wenn du da drin fest hängst… die Worte alleine sagen es schon…
    Wie Wasser, das zu Eis gefroren ist… da fließt gar nix mehr 😉
    Und das kann man dann auch nicht irgendwie „machen“, das muss erst mal auftauen…

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    1. Erste Seite der Unterlagen heute. Trauma ist wenn Fliehen oder Kämpfen nicht funktioniert und das Gehirn mit dem Erlebten nicht mehr klar kommt. (In meinen Worten)

      Wobei das ja eigentlich zu meinem passt. Fliehen oder Kämpfen wäre dann ja ein normaler Urinstinkt, wo keine Traumatisierung vorliegt.

      Traumatherapie kommt nur ganz am Rand vor, da es vom Thema für eine eintägige Infoveranstaltung zu komplex ist. Ich weiß nicht wie groß der Unterschied zur klassischen Therapie ist, es handelt sich um eine mit christlichem Hintergrund. Wobei so wie ich das verstanden habe ist Traumaforschung an sich noch nicht alt und klassisch wären eher Diagnosen wie Schizophrenie, Depression

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      1. Die Geschichte der Trauma-Therapie begann mit dem Vietnam-Krieg, dem ersten Krieg, in dem die zurück kehrenden Soldaten psycho-therapeutisch behandelt wurden.
        Man stellte fest, dass die übliche Gesprächs-Therapie alles nur noch schlimmer machte – im Gegensatz zur Behandlung nicht-traumatischer Probleme, die besser werden durch das bekannte „darüber reden“
        Da begann man dann zu forschen…
        Bei einem Erlebnis, das zwei Faktoren aufweist: unerwartet Angriff (egal, ob durch Menschen, Natur-Gewalten oder sonst was) plus Hilflosigkeit (also kein Fliehen oder Kämpfen möglich)
        trennen sich das deklarative und das emotionale Gedächtnis voneinander –
        d.h. – das Erlebnis wird abgespeichert ohne Zuordnung zu Daten und Fakten
        was bewirkt, dass auch noch 20 Jahre später das Erleben, getriggert, genau das gleiche ist wie als es passierte und der Mensch einfach nicht weiß, dass das nicht jetzt ist, sondern schon lange her
        (das ist der – in dem Fall – klassische Ansatz)

        Inzwischen gibt es den Ansatz über das Nerven-System
        Beobachtung von Säugetieren hat gezeigt, dass das Tier, wenn es durch einen Angriff, wo es nicht fliehen oder kämpfen kann, in Erstarrung gefallen ist, wenn die Bedrohung vorbei ist, aufsteht, sich kräftig schüttelt und dann weiter rennt und macht, als sei nichts gewesen.
        Beim Menschen fällt das Schütteln weg.
        Der Mensch hat nicht die Fähigkeit, die Erstarrung einfach so abzuschütteln, die bleibt quasi im Nerven-System stecken.
        Dazu kommt, dass Menschen ja oft nicht ein traumatisches Erlebnis haben, sondern über Jahre in einer traumatischen Situation leben und dann irgendwann gar nicht mehr wieder raus kommen aus der Erstarrung.
        Das schädigt also das Nerven-System, das sich dann nicht mehrt von alleine und auf natürliche Art regenerieren und aus-balancieren kann.
        Die Therapie besteht also nicht darin, Erlebnisse zu verarbeiten, sondern das Nerven-System zu heilen – und zwar über das Körper-Empfinden, nicht über den Kopf.

        so ungefähr in Kürze…

        Gefällt 1 Person

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