Mauern hoch

Was mir gehört kann ich verlieren. Die Angst geht um, dass wir gefährdet sind. Sie treibt zu kämpferischer Kriegsrhetorik. Von Horden wird gesprochen, die uns überrennen und alles nehmen wollen, das uns gehört. Erinnerungen an die Völkerwanderung sollen dabei wohl geweckt werden, die dem römischen Reich in seiner Pracht und Stärke ein jehes Ende setzte. Die Ironie nicht sehend, dass ebene jene Nachfahren der germanischen Horden sich nun als das neue römische Reich verstehen, das von fremden Horden überrannt zu werden droht.

Die Angst geht um, weil wir meinen etwas zu besitzen, das wir verlieren könnten. Weil wir uns einredeten ein Anrecht oder gar Vorrecht zu besitzen als auserwähltes deutsches Volk von Gottes Gnaden sozusagen. Da schreien wir und mit uns scheinbar die ganze Welt: Mauern hoch! Hoch hinauf bis in den Himmel, dass wir weder sehen können was dahinter, noch was da oben im Himmel von uns gefordert wird.

Die Wahrheit nämlich ist: Wir besitzen nichts und schon gar keine Vorrechte. Das letzte Wort nur trifft zu: Wir leben aus Gnade. Es ist eine Gnade, dass wir hier im klimatisch wohl gelegenen Mitteleuropa, im industriell hochgezüchteten und mit Krankenversicherung für alle wohlumsorgten Deutschland leben. Es ist eine Gnade Gottes. Und als Gnade ist all dies eben kein Recht sondern ein Geschenk, ganz nach Gottes freiem Willen gegeben. Und wies der Herr nimmt kann er es auch wieder nehmen. Und er wird es gerade jenen nehmen, die seine Gnade ganz für sich behalten wollen und unbarmherzig gegenüber den ebenso gnade-bedürftigen Fremden bleiben (Matthäus 18,21-35).

Das einzige, das wir wirklich verlieren oder gewinnen können, ist was in uns selbst stattfindet. Täglich neu haben wir mit unseren eigenen inneren Gedanken und Gefühlen umzugehen und Entscheidungen zu treffen, die einen zu katalysieren und den anderen Grenzen zu setzen. Es ist ein täglich neuer Kampf mit unseren inneren Dämonen und der Frage, wie sehr ich mich innerlich von Gottes Geist leiten lasse. Wessen Worte lasse ich meine Zunge sprechen? Was von innen aus mir herauskommt, zeigt ob ich mich nach oben oder nach unten orientiere (Markus 7,16). Die wahren Mauern müssen gegenüber den bösen Gedanken hochgezogen werden, die mich und meine Menschlichkeit entstellen.

Sind diese inneren Mauern effektiv so lassen sie im Umgang mit dem fremden Anderen Mauern fallen. Denn ist einmal die Angst vor eigenem Verlust begrenzt, bin ich frei meine Augen von mir selbst und meinen eigenen Nöten fort und auf den Anderen zu richten. Und glaube ich wirklich daran, dass alle Menschen von Gott gleich geschaffen wurden, so werde ich im Blick auf den Anderen mich selbst entdecken. Gewiss kein perfektes Wesen, ja hin und wieder gar den ein oder anderen Verbrecher, aber letztendlich meinen Bruder und meine Schwester. Da steht ein Mensch ganz wie ich…das gilt auch für den Syrer, Mexikaner, Amerikaner,…

Kein Terroranschlag kann mir diese Überzeugung nehmen. Denn mein Blick bleibt auch dann noch auf jenen gerichtet, der spricht:

„Ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.“ (Psalm 91)

 

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Veröffentlicht in Alltag, Blog, Theologie
2 comments on “Mauern hoch
  1. Reiner sagt:

    Unruhige Zeiten.
    Gut. das ER da ist …

    Grüße & guten Morgen !

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  2. Wenn ich auch keinen tatsächlich Bezug zu Gott habe, finde ich deinen Text sehr treffend geschrieben. Schön, dass da Mal jemand dran erinnert!

    Gefällt 1 Person

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