Zur Ruhe kommen

Meine Tochter macht derzeit enorme Entwicklungssprünge. Sie kann sich inzwischen in beide Richtungen drehen und diese neue Fähigkeit wird nun bei jeder sich bietenden Gelegenheit angewendet. Zum ersten Mal in ihrem noch kurzen Leben erfährt sie eine Form von Selbstbestimmung, die sie ganz offensichtlich sehr genießt. Sie kann sich nun tatsächlich durch den Raum bewegen. Ihr Entwicklungssprung hat ihr eine neue Freiheit geschenkt, eigene Entscheidungen treffen und in die Tat umsetzen zu können: Lasse ich mich nach recht oder links fallen, bewege ich mich in Richtung der Rassel oder zu Papas Hausschuhen?

Doch unserer Tochter ist das natürlich noch nicht genug. Das Gehirn schaltet postwendend in die nächste Stufe. Und so werden bereits jetzt Muskeln und Bewegungsabläufe geprobt, die derzeit noch zu nichts Nütze sind, aber irgendwann fürs Krabbeln benötigt werden. Der Mensch ist ein Wunder, bei einem gesunden Kind schaltet das Gehirn automatisch, genetisch vorprogrammiert, von einem Lernprogramm in das nächste.

Dabei hat sie von mir oder meiner Ehefrau einen unwiderstehlichen Willen geerbt bekommen. Sie will das können und zwar jetzt. Das führt sie über den Tag betrachtet durch eine Achterbahnfahrt aus Phasen der Freude und des Spiels und Phasen des Frusts, weil manche Bewegungen Kraft kosten, aber in der gegenwärtigen Entwicklungsphase noch zu keinem Ziel führen. Das Krabbeln klappt eben noch nicht.

In Predigten kommt oft das Thema vor, wie wichtig es ist zur Ruhe zu kommen. Wenn ich mir meine Tochter anschaue, frage ich mich, ob wir das überhaupt wollen. Lässt unser Ehrgeiz es überhaupt zu? Entspannung scheint vielen Menschen meines Alters, die mit beiden Beinen im Beruf oder einer jungen mit Nachwuchs gesegneten Familie stehen, ein Fremd- vielleicht sogar ein Schimpfwort zu sein. Und doch steckt auch hinter jedem Frustschrei der Wunsch nach jenem Frieden, der die inneren Stürme wenigstens für einen Moment zur Ruhe kommen lässt.

In der Unruhe steckt gewiss eine große, auch eine sehr schöpferische und kreative Kraft. Auch Dank dieser Unruhe gelangt meine Tochter zu immer neuen Entwicklungsstufen. Aber ohne Sammlung meiner Kräfte kann ich diese doch nie zu ihrem vollen Potential bringen. Jeder Tag braucht die Nacht mit einem erholsamen Schlaf, jede Woche seinen Ruhetag, jedes Leben sein ewiges Shalom. Dieses letzte suche ich oft bei Gott, aber das ist ja auch das letzte Große im Leben, wenn alles andere erreicht wurde. Der sonntägliche Ruhetag  weckt vielleicht bei vielen aus Tradition noch irgendwo im Hinterkopf einen Gedanken an Gott. Aber für die profane tägliche Ruhe vertraue ich dann doch lieber auf Baldrian und Yoga-Kurs.

Richtig aber wäre das Gegenteil. Ich habe die Vorzeichen umgedreht. Im Alltäglichen will Gott in Wahrheit sein, das letzte Große ist ihm viel zu abstrakt und vielleicht eher einer Idee von ihm als tatsächlich ihm gewidmet. Letztlich werde ich ebenso nur unter den richtigen Vorzeichen das letzte ewige Shalom erreichen. Wie könnte es auch sonst gelingen, ist die biblische Verheißung vom Ewigen doch, dass Gott „bei uns wohnen“ werde (Offenbarung 21). Wie soll das aussehen, wenn wir es nicht jetzt schon erproben? Gott ist kein Lückenbüßer sondern Urheber und permanenter Ursprung allen Seins.

Darum werde ich es heute ganz bewusst tun: Vor dem zu Bett gehen komme ich zu IHM, hier fällt mein Gedanke auf das Wörtlein Segen. Wie beängstigend Schlaf sein kann, erlebe ich täglich bei meiner Tochter, die sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Ich wünsche mir einen Schlaf, der von Gott gesegnet ist. Um sich in Gottes Hand fallen lassen zu können bitte ich ihn um seine Ruhe. Denn meine Gedanken sind noch voller Eindrücke und voller Streben. Ich lade ihn ein hereinzutreten und mein Schlafzimmer mit seiner Präsenz zu füllen. Den ganzen Raum in mir und meinem Herzen und um mich herum übergebe ich ihm. Ich verlasse mich darauf, dass in seinem Segen eine schützende Macht liegt, so dass alle anderen Mächte das Zimmer und meine Träume verlassen müssen.

Sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung.
Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht wanken werde.
Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.
Psalm 62, 6-8
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Ein Kommentar zu „Zur Ruhe kommen

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  1. So seh ich das auch… Es gibt solche Zeiten und solche… aber die kleinen Rituale, die kurzen Aus-Zeiten… zehn Minuten Meditation/ beten am Morgen, oder am Abend… oder auch nur fünf Minuten… das macht einen riesengroßen Unterschied… und die Zeit kann man immer finden… um sich selbst wieder zu finden…

    Alles Liebe und ich freu mich, dass es deiner Tochter gut geht
    Einen Lieben Gruß noch an deine Frau
    „Sie will das können und zwar jetzt“ – können wir uns die Hand drauf geben 🙂

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