Gnade und Gericht

Es treiben sich zwei Extreme um, die ich hier in ihr Verhältnis setzen möchte. Im hier diskutierten christlichen Kontext will ich sie unter die Überschrift Gnade und Gericht stellen, ich könnte auch Evangelium und Gesetz oder Vergebung und Zorn Gottes wählen.

Oft werden diese zwei Extreme auseinandergerissen. Der eine erweist sich als reiner Gnadenprediger und der andere warnt ausschließlich vorm kommenden Gericht Gottes und wie sein Zorn uns alle vertilgen werde. Beide Extreme sind entstellte Formen des christlichen Glaubens, die auf einem Auge blind sind. Die Bibel bestehend aus Altem und Neuem Testament, aus Evangelien und Offenbarung stellt keine Lehre auf, die nur das eine ohne das andere kennt. Als Einheit erst ergibt sich ein vollständiges Bild.

Die radikalisierte Gnadenlehre

Die Gnade ist die wahrscheinlich originär christlichste Erkenntnis, die anderen Religionen fehlt. Gott ist ein liebender Vater und kein herrschsüchtiger Tyrann, der mit der Menschheit seine Spielchen treibt. In seiner barmherzigen Gnade werden wir mit ihm versöhnt und zur Heiligkeit geführt. Wir sind Erlöste. Wir sind Geliebte. Wir haben einen inneren, von dieser Welt und unserer eigenen Leistungsfähigkeit unabhängigen, unendlich hohen Wert.

Diese wichtigste aller biblischer Aussagen kennt aber auch eine übersteigerte Extremform. Eine billige Gnade. Ins Absolute getrieben führt sie in die Allversöhnung. Hier gelangen alle Menschen ganz unabhängig ihres Handelns und Denkens „in den Himmel“ (Anmerkung: Ziel christlicher Erlösung ist nicht der Himmel).

Auf der menschlichen Seite wird damit ein abstrakter und unüberwindbarer Dualismus zwischen weltlicher Wirklichkeit und geistlichem Glauben geschaffen. In der Welt gibt es Verbrechen, Gewalt und Leid, im Geist sind alle Heilige. Die Welt und der Glaube haben nichts mehr miteinander zu tun. Alles wird durch Gottes Gnade gerechtfertigt und sei eine Tat auch noch so grausam. Jegliches Schuldbewusstsein, Sündenbekenntnis oder Buße (Umkehr/Veränderung) sind nicht mehr von Nöten. Dies führt zu einem gefährlichen Fatalismus oder einem Relativismus, in dem alles Böse tatenlos hingenommen und sogar noch entschuldigt und gerechtfertigt wird. Ein Einstehen für oder gegen etwas ist im Angesicht der alles in sich hineinziehenden Gnade Gottes überflüssig. Auf der göttlichen Seite verschwindet jedweder Unterschied zwischen Welt und Gott, was pantheistischen oder atheistischen Gottesbildern Vorschub leistet.

Das radikalisierte Gericht Gottes

Noch fataler erweist sich das zweite Extrem einer einseitigen Warnung vor dem Gericht und Zorn Gottes. In dieser übersteigerten Form ist die Botschaft extrem angsteinflößend. Sie fordert vom Menschen mehr als er geben kann, treibt damit in tiefe Ängste und geistliche Erschöpfung. Angst ist darum so verheerend, weil sie Vernichter des Glaubens ist. Glaube übersetzt als Vertrauen kann nur in Überwindung von Angst oder als auflösende Hoffnung der Angst sein Licht erstrahlen. Wo aber Angst bewusst gesät wird, kann Glaube nicht wachsen, er wird erdrückt und verbittert. Darüber hinaus setzt dieses Extrem Anreize zu geistlichem Missbrauch, in diesem instrumentalisieren geistliche Führer die Angst ihrer Geführten für eigene Machtspiele. Es gibt keinen effektiveren Weg Menschen vom Glauben und von Jesus wegzustoßen. Gott wird am Ende, als Reaktion auf diesen erschreckend unbarmherzigen Zorn und den unerträglichen Leistungsdruck, gehasst werden.

Gottes Zorn darf daher niemals losgelöst von seiner Gnade gepredigt werden. Jede Lehre, welche nicht die frohe Botschaft des Evangeliums enthält, ist unchristlich.

Die Erwartung von Gottes Gericht wie wir sie z.B. in den Psalmen finden ist immer eine hoffnungsvolle, keine angsteinflößende Botschaft. Der von der Bosheit der Welt Vertriebene, Entrechtete, Geschlagene, Arme, Leidende, Kranke, der in dieser Welt Erniedrigte, der Kleine und Schwache ergreift in der Aussicht auf das Gericht Gottes und dessen gerechten Zorns Hoffnung auf die letztendliche Umkehrung aller Dinge: Dass in Gottes Gericht der Erniedrigte erhöht werde und dem Entrechteten endlich Recht zugesprochen wird. In diesem Kontext schenkt die Rede vom Gericht Zuversicht und sogar Glaube. Sie führt darüber hinaus zu Verantwortung, seine Taten zu reflektieren und für etwas Gutes in der Welt einzustehen. Sie führt zu Schuldbewusstsein und dem Bedenken des Sinns hinter Gottes Geboten. Aber das darf nie aus Angst vor der eigenen Schuld geschehen, sondern immer mit der Perspektive, dass ein verantwortungsvoll bedachtes Handeln im Vertrauen auf die Gnade Gottes tätig wird – gerade auch weil man sich unsicher ist, ob sich das Handeln als gut oder schlecht herausstellen wird.

Die Zusammenführung

Das Gericht schenkt mir die Zuversicht, dass das Böse in der Welt nicht das letzte Wort haben wird, dass auch das Niedrige unendlich wertvoll ist und auch wenn es im Hier und Jetzt nicht immer so aussieht Gutes am Ende siegen wird. Durch das Gericht werde ich dem Ernst meiner Taten und meiner Schuld bewusst. Weil ich mich dieser bewusst werde wächst in mir ein verantwortungsbewusster Glaube heran, durch den ich mir wiederum aber der barmherzigen Gnade und unerschütterlichen Liebe Gottes ganz ohne Angst sicher sein darf.

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Veröffentlicht in Blog, Theologie

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