Zwischen den Extremen

Von meinen Eltern habe ich eine ungute Angewohnheit vorgelebt bekommen, die ich in meiner Studienzeit durch den ständigen akademischen Diskurs gut zügeln konnte, aber die sich von hinten her mit zunehmender Zeit immer mehr in mein Leben einschleichen möchte: Das Extremdenken und -fühlen In schwarz und weiß.

Dank meiner Frau, die sich etwas mit Seelsorge beschäftigt hat, und der derzeit hochkochenden Konflikte zwischen meinen Eltern wird mir dieser Umstand heute wieder stärker bewusst. Aber auch weil unsere Gesellschaft spätestens seit der Flüchtlingskrise – jetzt sogar öffentlich wahrnehmbar – ähnliche Verhaltensmuster zeigt.

Die Realität aber ist differenzierbar, ein Worst Case ist eben das, der schlechteste denkbare Fall und damit per Definition ein Ausnahme-Fall, eine unwahrscheinliche Extremsituation. Zwar sind weder schwarz noch weiß, weder best noch worst case in der Wahrscheinlichkeitsverteilung unmögliche Zustände aber sie sind in aller Regel unwahrscheinlich und damit in ihrer Häufigkeit bemessen selten vorzufinden.

Bei der Wahl meiner Verhaltensweisen und auch in meinen Emotionen, also den ihnen zugrundeliegenden Gedanken und Weltvorstellungen, muss ich -wenn mir kein Beleg für eine andere Annahme vorliegt – davon ausgehen, dass ich ein Durchschnittsfall bin bzw. anders ausgedrückt in der Wahrscheinlichkeitsverteilung irgendwo bei den hohen Häufigkeiten einzuordnen sei.

Das heißt nicht, dass die hohen Wahrscheinlichkeiten für mich deterministisch vorbestimmt sind. Statistik sagt nur etwas über Wahrscheinlichkeiten, Häufigkeiten und Zusammenhänge aus, aber sobald Wahrscheinlichkeiten unter 100% vorkommen nicht zwingend etwas über den individuellen Einzelfall. Mich sollten dennoch nicht die Extreme bestimmen, sie können zwar mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch mir passieren, aber wahrscheinlicher ist es, dass sie es nicht tun. Ich sollte vielmehr so handeln, denken und fühlen wie es realitätsgemäß ist: Unter der Annahme zwischen den Extremen zu stehen.

Häufig sind es tieferliegende seelische Verletzungen, die mich dazu bringen den best oder worst case für mich anzunehmen oder noch radikaler gar nichts anderes als schwarz oder weiß wahrzunehmen und immer wieder zwischen beiden hin- und her zu pendeln. Dabei wäre es viel realistischer davon auszugehen in den bunten oder grauen Farben zwischen schwarz und weiß, in den vielschichtigen Möglichkeiten zwischen worst und best case zu landen. Ein erster Schritt besteht darin diese vielfältigen Möglichkeiten zwischen den Extremen wahrzunehmen, sie zu bedenken und sie anschaulich zu machen.

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Veröffentlicht in Alltag, Blog

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