Wurde dein Jesus gekreuzigt?

Wird alles immer gut, wenn man glaubt? Es gibt tatsächlich erstaunliche Wunderheilungen und in Gottes Gnade eingebettet erwartet uns bereits jetzt ein spürbarer Vorgeschmack auf den ewigen Frieden, den wir in Gott erleben werden, wenn einst Himmel und Erde erneuert und eins werden. Der Glaube kann Berge versetzen, Geistesgaben ermächtigen uns Gottes Werke in der Welt zu verrichten. Der Glaube bietet eine ganz von materiellen Gütern und weltlichen Ansprüchen unabhängige Orientierung, Halt und Ausrichtung. All das lässt uns seelisch gesunden.

Ich wage dennoch die steile These aufzustellen, dass wer dem Leid nicht ins Auge blickt, etwas Fundamentales am Glauben an Christus nicht begriffen hat. Ich entsinne mich an einen Vortrag des amerikanischen Theologen Reggie Williams, der auf die Frage, warum denn so wenige der weißen amerikanischen Kirchen wirklich zu den Armen gingen, mit einer Gegenfrage antwortet: Wurde euer Jesus wirklich gekreuzigt?

Dabei handelt es sich nicht um ein reines Glaubensbekenntnis, das man für wahr oder falsch halten kann. „Gelitten und Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben“. Bei dieser Frage geht es um mehr als wahr oder falsch. Wer glaubt, nicht nur mit dem Verstand sondern mit ganzer Seele tief im Herzen, dass unser Erlöser gelitten hat, dass er gestorben ist, dass er hinabgefahren ist in das Reich des Todes? Für die Muslime ist dieser Teil des christlichen Bekenntnisses unvorstellbar, ein Heiliger Gottes, der leidet und stirbt, dass es diverse Polemiken im Koran dagegen gibt. Und auch in unserem Glauben regt sich Widerstand. Viele Kirchen heute schauen wie einst die Korinther lieber nur auf die Auferstehung, auf ihre Superapostel, die erworbene Gnade Gottes oder alleine auf Pfingsten und was Pfingsten folgte. Happy Clappy Christentum. Karfreitag, das wollen so manche nicht gerne sehen…höchstens nur als Prolog am Rande wahrnehmen.

Aber ohne Kreuz auch keine Auferstehung!

Was bedeutet das denn, wenn Jesus gelitten hat und gestorben ist? Unser Gott hat sich ohnmächtig machen lassen! Er hat Schmerzen und Anfechtungen erdulden müssen, geschrieen hat er und ist unter dem Gewicht des Kreuzes zusammengebrochen, so dass ein anderer es nach Golgatha tragen musste. DAS ist der Messias, an den wir glauben. Das ist das Gottesbild, das wir haben.

Aber das bedeutet auch, Gott ist gerade den Leidenden nahe, den Ohnmächtigen, den Zerbrechenden, denn sie sind seiner Kreuzigung nahe. Sie hängen rechts und links von ihm. Wenn die Schläge der Welt ihre Haut in Fetzen reißt, dann ist es auch Jesus Haut, die hier aufplatzt. Er weint mit ihnen.

Ein Glaube, der nur das Positive sieht, betäubt und ist wahrlich nur Opium. Aber das ist kein christlicher Glaube. Denn unser Christus wurde gekreuzigt und hat gelitten. Wir verkünden keine Weltflucht, sondern erkennen das Leid mit all seiner ganzen zerstörerischen Grausamkeit. Wir mussten durch das Dunkel, um ans Licht zu kommen, wir kennen es am eigenen Leib, kennen unsere Dämonen, die uns an den Kragen wollen. Als Leib Christi erleiden wir das Leid mit. Aber mit einer Perspektive, nicht ins Nichts hinein. Wir bezeugen einen ganz anderen Gott als es die Gesellschaft und ihre Mythologien mit ihren überrealen Superhelden gerne hätte. Kreuz und Auferstehung trennt nur drei Tage. Sie sind zwei Seiten einer Medaille. Beides ist Ostern, beides unser Fundament.

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Veröffentlicht in Blog, Theologie

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