Trägheit

Für mich ist es abends manchmal schwer, mich zu etwas aufzuraffen. Ich bewundere Menschen, die einen schier endlosen Energiespeicher besitzen und sich von einer Tätigkeit in die nächste stürzen können. Bei mir ist das nicht der Fall. Ich habe ein Limit, ist das erreicht brauche ich einen Rückzugspunkt. Mein Akku verlangt hin und wieder eine Ladestation, einen Ort, an dem ich mich der äußeren Welt ent- und in mich zurückziehen kann, einen Platz der Stille und inneren Ruhe.

Die vielen äußeren Eindrücke und Aufgaben machen Spaß und haben ihre Berechtigung, aber sie kosten mich auch Kraft. Ich kann mich an ihnen eine Zeit lang freuen und dann brauche ich wieder etwas Abstand.

Manchmal verfalle ich in Zeiten des Wiederaufladens aber auch in einen Zustand der Trägheit. Extreme sind oft nicht erstrebenswert, die Verlockung ist da, das berechtigte Insichkehren in Faulheit umkippen zu lassen. Wir neigen nämlich schnell dazu, die Dinge, die uns gut tun, zu übertreiben, bis sie uns nicht mehr gut tun. Das bemerke ich dann, wenn der Akku nicht aufgeladen ist, Stress trotz Ruhephasen entsteht. Dann hilft nicht noch mehr Ruhe sondern mehr Aktivität, um wieder zu Kräften zu kommen.

Es ist ein Balanceakt, das richtige Maß zu finden. Für Menschen wie mich besteht das Leben aus einem Pendel zwischen Aktivität und Ruhe, das gleichmäßig von einer Seite zur nächsten schwingt und hoffentlich in keinem der Extreme zu lange verweilt. Es ist ein Maß zu suchen, das sinnvolle, vielleicht von Kontemplation, Gebet oder einem guten Buch oder Film begleitete Ruhe ermöglicht, ohne in sinnloses Nichtstun und Flucht vor den anstehenden Aufgaben zu verfallen.

Letztlich werde ich das Optimum aber nie lange finden. Denn jeder Tag ist anders. Ich bin jeden Tag ein wenig anders. Wer sensibel für äußere Eindrücke ist und ein reiches Innenleben hat, befindet sich immer auf der Suche. Gerade diese Suche macht das Leben spannend. Wäre ich immer schon in allen Dingen am Ende der Weisheit, was gäbe es dann noch für einen Grund morgens aufzustehen und wo bliebe dann die Demut vor einer größeren Weisheit und Fügung als der meinen?

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Veröffentlicht in Alltag, Blog
7 comments on “Trägheit
  1. Reiner sagt:

    Das sind bekannte Zustände.

    Grüße aus dem Tal der Wupper !

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  2. roswithamadeleine sagt:

    Wenn Du abends müde bist, ist das ganz gesund und Du brauchst keinen Kick, um voll aktiv zu sein. Du brauchst doch, wenn Du tagsüber,gearbeitet hast, nicht noch abends aktiv sein.
    Sei dankbar, dass Su einen Rhythmus hast. Und was heißt : Trägheit ? Du brauchst doch
    „workaholics“ nicht zu bewundern. Sie sind meiner Meinung nach krank. Sie brauchen die Arbeit, um sich von sich abzulenken. Was ist da bitteschön bewundernswert? In unserer Gesellschaft gilt Faulsein als etwas anrüchiges, etwas Negatives. Sich auszuruhen hat den gleichen Wert wie zu arbeiten. Yin und yan, die Polarität, männlich/weiblich, gut/böse,
    negativ/positiv, die Gegensätze sind es, die das Leben ausmachen und dann den Mittelweg zwischen den Gegensätzen zu leben, das ist Spannung, das ist Leben.
    Danke für Deine Antwort.

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    • Utopio sagt:

      Das stimmt. Andere Kulturen sind da viel gelassener. Allerdings hat man mit einem Baby zu Hause nicht immer die Wahl. Das wäre vielleicht auch entspannter wenn es noch intaktere Familien gäbe, die einen unterstützen.

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  3. ananda75 sagt:

    was ist das Optimum?

    ich kenn das – ich such auch immer das Optimum – aber inzwischen bin ich nachsichtiger geworden mit mir 😉

    Alles Liebe ❤

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  4. Immer mit der Ruhe,

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  5. Ja, früher war das Zusammenleben zwischen den Generationen noch einfacher als heutzutage. Wenn das Kind drei jahre alt ist und es in den Kindergarten kommt, wird die Oma oder eine Tagesmutter herangezogen.
    Für die Mutter ist es wichtig, dass sie außer dem Kinderhüten noch eine Beschäftigung hat, sonst wird sie unzufrieden und das schadet der ganzen Familie. Der Vater schichtet und
    die Oma ist verliebt in ihren Enkel und so hat jedes Familienmitglied seine Aufgabe.
    Einem Kind Geborgenheit und Wärme. sprich Liebe geben, ist das Allerwichtigste für den weiteren Lebensweg des Kindes. Ich wurde von meiner Großmutter sehr oft heftig geschlagen, was sich als verheerend für meine Psyche auswirkte. Früher war die Familie
    das Zentrum, der Herd, wo man zusammen gegessen hat und sich unterhalten hat und einen
    Schutz gefunden hat, heute ersetzt das Internet die Familie.
    Für eine Antwort wäre ich Dir sehr dankbar.

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    • Utopio sagt:

      Es ist wirklich schade, dass du solche schlechten Erfahrungen machen musstest. Familie kann durch die starke Nähe und Abhängigkeit leider auch zum Ursprung der schlimmsten Erfahrungen werden. Gewalt passiert ja mit am häufigsten im familiären Umfeld. Und auch bei der Familie von mir und meiner Frau ließen sich viele negativen Geschichten erzählen.

      Gleichzeitig kenne ich das mit dem Herd als Zentrum von der Oma meiner Frau. Da ist das wirklich noch so. Küche und Esszimmer sind ein riesiger Raum im Zentrum des Haus und da ist ein ständiges Kommen und Gehen, wo man bei der immer ein offenes Ohr habenden Oma auch mal sein Herz ausschütten kann.

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