Die Geschichte vom Wald

Es war einmal ein großer Wald, der sich am Ufer eines schmalen Flusses befand und dessen Lauf entlangfolgte. Darin wohnten vier kleine Gestalten, die sich jeden Morgen pflichtbewusst und glücklich aufmachten, um ihrer kleinen, aber zufriedenstellenden Arbeit nachzugehen. Ihnen oblag die ehrenvolle Aufgabe die Blätter an den Bäumen zu zählen. Mit kleinen Stiftchen ritzten sie winzige Zeichen in die jeweiligen Stämme, die dem kundigen Blätteradministrator die Blätterzahl des Baums verriet. So ritzten sie tagein und tagaus eine Baumrinde nach der anderen. Es benötigte eine volle Woche bis sie die Blätter gezählt hatten. Und da der Baum ein dynamisches Wesen war und ständig neue Blätter an seinen Ästen erschienen oder alte Blätter abfielen, begann ihre ehrenvolle Aufgabe jeden Montag wieder von Neuem.

Nach einigen Jahren des Zählens hatte der erste der kleinen Gestalten, der ihr inoffizieller Anführer war, die Idee, dass sie doch bereits in sechs Tagen fertig sein könnten, wenn sie ihre Zählerei besser organisierten. Und so teilten sie den Wald in vier Bereiche, von denen jeder der kleinen Gestalten einen in seine Verantwortung nahm. Nun zählten sie tagein und tagaus in ihren vier Bereichen und trafen sich erst am Abend wieder. Dort fielen sie müde von der anstrengenden Tat in ihr Bettchen und brachten dabei kaum mehr als ein „Gut Nacht“ heraus. Wenn man nun meinte sie genossen den gewonnenen siebten Tag, so musste man sich schnell eines besseren belehren. Denn auch an dem nun frei gewordenen Tag entstanden stetig neue Blätter oder fielen alte Blätter zu Boden. Die gewonnene Zeit konnte nun dafür verwendet werden bereits am siebten Tag mit der nächsten Runde zu beginnen.

Der zweite der kleine Gestalten hatte eines nachts einen Traum, wie er zwischen den Stämmen umherging und dort auch in der Nacht Blätter herabfielen. Er kam nun auf die Idee, dass sie sich doch Ziele setzen sollten. Nur so könnten sie ihre Arbeit noch besser erledigen. Endziel sollte es eines Tages sein die Blätterzahl in Echtzeit angeben zu können. Um das zu erreichen wollten sie Schichten einrichten, so dass tags und nachts gezählt wurde. Keine Sekunde sollte verloren gehen. Das hatte zur Folge, dass die kleinen Gestalten sich gar nicht mehr sahen. Entweder waren sie in unterschiedlichen Bereichen oder unterschiedlichen Schichten eingeteilt. Nur noch die Ritze an den Stämmen rund um ihren Schlafplatz verriet den kleinen Gestalten, dass sie nicht alleine waren. Manchmal hinterließ die eine Schicht der anderen ein paar in Stämme geritzte Nachrichten, damit diese ihre Schicht noch besser gestalten konnte.

Und so vergingen die Jahre. Ein paar weitere Ideen brachten sie ihrem Endziel näher, ohne es je wirklich erreichen zu können. Die ständige Einsamkeit aber nagte an den kleinen Gestalten und der Druck sich nicht zu verzählen, um ja keine Zeit zu verlieren, wurde mit der Zeit schier unerträglich. Die Nachrichten, die sie sich gegenseitig hinterließen, wurden immer unfreundlicher und bedrohlicher. Der dritte der kleinen Gestalten begann nachts zu fantasieren, dass der vierte der kleinen Gestalten in seinem Bereich gar nicht wirklich zählte, sondern stattdessen nur faul die Äpfel des Baumes vom Boden auflas und den lieben langen Tag von den zahlreichen Früchten des Waldes aß. Er nahm sich vor die folgenden Nächte wach zu bleiben und der vierten kleinen Gestalt nachzulaufen. Doch schien diese ihn zu bemerken, er konnte jedenfalls nichts ungewöhnliches feststellen. Es musste ein professioneller Überwacher gefunden werden, der ein solches Verhalten hart bestrafen würde. Und so schickten die kleinen Gestalten einen Vogel in den Nachbarwald, dass dort bei den großen Gestalten ein Überwacher gefunden würde. Das erwies sich als gar nicht so einfach, der Nachbarwald schien mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Jedoch konnte man viel von ihnen lernen, die doch einen ganzen Tag schneller waren als die kleinen Gestalten in ihrem Wald.

Am Ende heuerten sie tatsächlich einen Überwacher an, der aufpasste, dass keine Frucht von den Bäumen gegessen wurde, solange nicht die Soll-Zahl an Blättern gezählt war. Das genügte aber schon bald nicht mehr, denn manch einer – so vermutete die dritte kleine Gestalt, ruhe sich auf seiner Soll-Zahl aus und so konnte der Tag, den man Rückstand zum Wald der großen Gestalten hatte, nicht aufgeholt werden. Also wurde der Überwacher instruiert, dass er den kleinen Gestalten ihre Lieblingsfrüchte wegnahm, wenn sie nicht jede Woche ein paar Minuten schneller würden. Das erzeugte Unmut bei der vierten kleinen Gestalt, die doch immer die langsamste war. Sie litt bereits an Schlafstörungen und konnte nur noch von Blättern träumen, Blätter hier und Blätter da, gelbe, rote, grüne, braune, Blätter, Blätter, Blätter… Eine andere Gestalt als den Überwacher hatte sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Und die besten Früchte blieben immer den drei anderen. Was sie nicht wusste, dass diese von den guten Früchten aber auch nichts zu sich nahmen, da sie viel zu erschöpft waren auch nur eine davon zu essen. Sie beschränkten sich auf Früchte, die man schnell während der Arbeit ausschlürfen konnte. Irgendwann wurde es der vierten kleinen Gestalt zu bunt und sie begann statt zu zählen Äste zu sammeln. Alle Warnungen schlug sie in den Wind, den Früchtemangel nahm sie in Kauf. Emsig sammelte sie Ast auf Ast. Immer höher wurde der Berg. Irgendwann hatte sie eine ganz beachtliche Sammlung aufgetürmt. So fehlte nur noch ein winziger Funke … und der Wald brannte…

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Veröffentlicht in Blog
4 comments on “Die Geschichte vom Wald
  1. Reiner sagt:

    Willkommen im Schichtbetrieb der Automotive-Zulieferer-Industrie.

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  2. ananda75 sagt:

    ich gestehe – ich lese so was quer 😉

    gefällt mir aber trotzdem sehr gut 🙂

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  3. bithya85 sagt:

    Traurig, aber die Wahrheit. Ich wäre ja dafür, dass die kleinen Gestalten eine Frucht-Flat bekommen…

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