Widerstreitende Autoritäten

Ich habe heute einen Film über den Psychologen Stanley Milgram gesehen. Berühmt und umstritten wurde er durch sein Milgram-Experiment. Darin wurden Probanden dazu gebracht einem anderen Stromschocks in immer größeren Dosen zu verabreichen, bis diese ein tödliches Niveau erreichten. Die Schocks waren nicht echt, das wusste der Proband jedoch nicht. Er glaubte es gehe bei dem Experiment darum, die Lernfähigkeit des Gehirns durch Belohnung und Bestrafung zu testen. In Wahrheit war jedoch er das Versuchsobjekt. Über 65 % der Teilnehmer folgten den Anordnungen des hinter ihm stehenden Wissenschaftlers, das Experiment immer weiter und weiter zu führen und dabei immer stärkere Schocks einzusetzen. 65% gingen bis zum Ende und verabreichen auch die lebensbedrohlichen Stromstärken. Die meisten zeigten dabei zwar starke Stressanzeichen und wurden sichtlich von ihrem Gewissen gequält, aber allen Erwartungen zum Trotz verweigerten nur etwa 35 % den Gehorsam.

Wenn ich ehrlich zu mir bin, wüsste ich nicht, ob ich eine dieser 35 % gewesen wäre. Wahrscheinlich nicht. Dazu brauchte es außerordentliche Fähigkeiten zur Selbstreflexion und sozialen Autonomie.

Einer der Verweigerer war ein Professor für alttestamentliche Theologie. Erstaunlich dabei ist, dass er seine Gehorsamsverweigerung gegenüber der Autorität des Wissenschaftlers mit seinem Gehorsam gegenüber der Autorität Gottes beantwortete.

Sitzen wir vielleicht einer falschen Vorstellung auf, von einer in sich geschlossenen und von der Umgebung und Situation gänzlich unabhängigen Moral, die das menschliche Gewissen ausmache? Steht und fällt am Ende jede Moral womöglich durch ihren Bezug auf irgendeine Autorität, aus der sie sich ableitet? Die Amoralität des fiktiven Experiments wurde im Fall des Professors erst von der Moral des göttlichen Gebots gebrochen. Wird Gutes womöglich erst dadurch möglich, dass im Widerstreit der verschiedenen Autoritäten, die gute Autorität sich durchsetzt? Wenn wir Gott als das absolut Gute setzen, sehen wir dann die alttestamentlichen Aufforderungen zum Gehorsam und das alttestamentliche Gesetz durch eine andere Brille, verstehen erst den Sinn so manch eines Verses? Der Verstand und das Gewissen ist formbar, es gibt immer Gründe vom Tötungsverbot abzuweichen, wenn es diese letzte Autorität nicht gäbe, die es absolut setzt.

 

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Veröffentlicht in Blog, Theologie
12 comments on “Widerstreitende Autoritäten
  1. ananda75 sagt:

    Ich hab gestern mal wieder eine Folge der neuen Sherlock Holmes Filme gesehen – die mit Benedict Cumberbatch – echt gut gemacht, sehenswert
    Da wurde er von jemandem heraus gefordert, sein Leben zu riskieren um des Beweises seiner Intelligenz wegen – und da war keine Autorität, weil er keine hat – gerettet wurde er von seinem Freund, der den Herausforderer kurzerhand erschoss – wissend, dass das „Genie“ bis zum letzten gehen würde, um seine Intelligenz zu beweisen

    Und auch ich kenn das
    Bei mir ging es bis jetzt nicht auf Leben oder Tod… oder vielleicht doch… hmmmm…. schlussendlich hängt bei mir alles irgendwie zusammen mit meiner Arroganz, alles besser zu wissen, alleine zu können und im Griff zu haben…

    Aber im täglichen Leben… gestern – eine Kleinigkeit, Viertelstunde und dann war das Thema erledigt… aber doch….
    Ich hatte mit einem totalen Dämlack zu tun – und, anstatt ihm geduldig alles noch mal (zum ca. fünften Mal *grummelgrummel zu erklären – nee, musste ich ihm doch erst mal ironisch-arrogant seine Doofheit auf’s Butterbrot schmieren mit der Folge, dass er so natürlich erst recht nicht verstand, was er machen sollte …

    Interessant, Danke für diese Gedanken – denn ich weiß ja:
    Besser wär gewesen, ich hätte mich vorher einmal kurz Gott zugewandt und IHN das machen lassen… vielleicht beim nächsten Mal 😉

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    • Utopio sagt:

      Das erschreckenste an dem Experiment, was ich aus unserer Soziologievorlesung nicht mehr in Erinnerung hatte, war, dass die Probanden auf die Schmerzensschreie sehr wohl empathisch mit Mitgefühl reagierten.

      Aber Mitgefühl alleine reichte nicht, um daraus Taten folgen zu lassen.

      Wenn der Wissenschaftler hinter ihnen sagte sie sollten weitermachen, sie hätten keine Wahl oder sie tragen nicht die Verantwortung war fast immer dessen Autorität mächtiger als deren Mitgefühl. Manche haben gesagt sie haben regelrecht jeden Stromstoß am eigenen Leib gespürt und trotzdem haben sie nicht aufgehört. Es war ja ihre Aufgabe, für die Wissenschaft und der Experte weiß ja besser als sie was noch in Ordnung ist.

      Die neue Sherlock Serie ist echt klasse gespielt. Sherlocks Narzissmus, der sich selbst für die Autorität hält ist dann wieder eine ganz eigene Kategorie. Ich kenne im realen Leben durchaus min. eine Person, die durch ihre Hochbegabung ähnlich drauf ist und dadurch ständig aneckt. Sherlock wird im Gegenzug ja auch sehr anti-sozial charakterisiert. Dieser Gehorsam gegenüber Autoritäten hat ja im normalen Leben sehr wohl auch eine positive, soziale Komponente. Leute denen das von Natur aus fehlt haben es oft schwer sich überhaupt in soziale Gruppen zu integrieren und sind dadurch kaum Teamfähig.

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      • ananda75 sagt:

        Sprichst du da von mir? 😉
        Ich akzeptiere Autoritäten wenn sie sich meinen Respekt verdient haben… ansonsten… öööh…. der Vorteil ist aber, dass ich keine Angst habe, auch nicht dem CEO zu widersprechen – das ist immer ein feiner Grad zwischen Arroganz und Mut/ Stärke/ Selbst-Bewusstsein –
        Das letztere drückt es perfekt aus:
        Selbst-bewusst-sein – nehme ich mich wahr, wie ich wirklich bin – d.h. auch, zu meinen Stärken zu stehen, mein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen – oder stell ich mich in meiner Ego-Zentrik über alle anderen…

        Und der Sherlock… sein Narzissmus wird ja nicht verherrlicht oder geschönt… man sieht ja deutlich, was er davon hat … und die Entwicklung, wie er Dr. Watson zu seinem Freund werden lässt… ich find das schon ganz gut dargestellt….

        Auch das kenne ich ja nur zu gut – Menschen an mich ran zu lassen, nicht nur bis zu einer gewissen Grenze, hinter der ich Allein-Herrscher bin in meinem Reich… oh oh… ist aber auch schon besser geworden 🙂

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      • Utopio sagt:

        Neee. So oft du über Mitgefühl schreibst schätze ich mal der Vergleich zu Sherlock ist überhaupt nicht treffend.

        So einen kleinen Sherlock hat natürlich jeder hin und wieder mal in sich, weil jeder von allem einen kleinen Anteil in sich trägt. Und du bist dir selbst womöglich inzwischen so bewusst und sicher, dass du deine kleinen Anteile mutig und im gesunden Maß einsetzen kannst um sogar mal dem CEO zu widersprechen. Aber das macht einen noch lange nicht zu einem Sherlock … Den Unterschied merkst du wenn du echte Narzisten o.ä. ungesunde Extreme triffst 😉

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      • ananda75 sagt:

        🙂

        Danke ❤

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  2. ananda75 sagt:

    und zu den mitgefühlten Strom-Stößen –
    Der Mensch hat einen ausgeprägten Hang zum Masochismus
    Das mag sich – außer ein paar wenigen – keiner eingestehen
    Aber da ist etwas in uns, das leidet gerne

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    • Utopio sagt:

      Das stimmt. Aber Ich glaube nicht dass die in diesem Fall gerne gelitten haben.

      Ich denke sie haben den Teil, der gelitten hat, von der Entscheidungsmacht über ihr Handeln abgespalten.

      Sie haben sich aufgespalten in die Privatperson, die mitleidet, und den Versuchsteilnehmer, der tut was ihm gesagt wird, dass es für das Experiment nötig ist.

      Das kommt daher, dass wir im Alltag oft in aufgespaltenen Rollen denken müssen. Die Aufspaltung ist einerseits notwendig, kann aber auch in Extremsituationen zu Bösem missbraucht werden.

      Ich muss z.B. auch manchmal Mitarbeiter anrufen, dass ihn Gehalt gekürzt wird. z.B. weil die Krankenkasse Vorerkrankungen zurückgemeldet hat, wodurch sich die Lohnfortzahlung verkürzt. Ich empfinde dann auch Mitgefühl und Verständnis für deren Ärger. Aber Gesetz ist Gesetz und unseren Kunden wiederum sind wir als Krankenversicherung verpflichtet sparsam mit deren Beitragszahlungen umzugehen. Im Gespräch mit dem Mitarbeiter zeige ich Mitgefühl, in der Rolle als Personaler darf das Mitgefühl aber nicht meine Entscheidung dominieren.

      Was aber wenn das Gesetz oder die Verpflichtung unmoralisch sind? Woher weiß ich welche Verpflichtung ich erfüllen und welche ich verweigern muss? woher erkenne ich eine Amoralität im Vorhinein, im Nachhinein sind alle immer klüger?

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      • ananda75 sagt:

        ja – so wird es gewesen sein – gut erklärt

        und auch da fällt mir direkt ein Beispiel ein… von jemandem, der das nicht kann… er ein sehr gutes Herz hat, was toll ist, in seiner Position aber auch mal klare Ansagen machen müsste…

        ich glaub, das kann ich ganz gut – „als mensch lieb ich dich von Herzen, aber deine Art zu arbeiten mach ich nicht mehr mit“ (ein beispiel aus der Realität)

        wenn das kollidiert – ganz klar:
        Selig sind die, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit Willen.
        Keine Angst vor gar nichts.
        Folge deinem Herzen.
        Mit Gott an deiner Seite bist du immer in der Mehrheit.
        Wenn du nicht weißt – geh in dich und frage dein Herz oder deinen Gott.
        Und dann folge dem, was du fühlst, was richtig ist, wenn du deinen Eigen-Willen davon getrennt hast.

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  3. @utopio Aber du kannst das ja nicht so richtig vergleichen mit den gehaltskürzungen, weil du da ja keine Wahl hast, dich anders zu entscheiden. Aber bei dem milgram -Experiment hatten die Personen ja die Wahl. Es ist schon erschreckend zu sehen, was alles mit unserer Psyche passiert, wenn wir unter Stress gesetzt werden.
    Mich würde interessieren, ob die Entscheidung der Probanden schon vor der Entscheidung der “ Autoritätsperson“ vorhanden war. Denn nach Libet ist ja die Entscheidung im Gehirn schon etwa 1 Sekunde vor der Handlung da. Und wenn der Befehl der Autoritätsperson und die folgende Handlung weniger als die die Sekunde auseinander liegen, dann würde sich das ja überschneiden. Wahrscheinlich kannst du mir das nicht beantworten, aber ich finde den Gedanken daran recht spannend
    Viele grüße

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    • Utopio sagt:

      Spannende Gedanken.
      Allerdings haben sich ja auch die Nazis, um die es dem Judem Milgram ja eigentlich ging, ja auch damit gerechtfertigt keine andere Wahl gehabt zu haben. Der Unterschied ist, die Gehaltskürzung ist moralisch in Ordnung, was die Nazis taten nicht. Aber selbst Eichmann beschwor in seinem Prozess, dass er keine Verantwortung trage und alles direkt von seinen Vorgesetzten kam.

      Auch der Punkt mit dem Gehirn ist sehr interessant. Da gehts auch um freien Willen. Auch unter Christen heiß diskutiert. Vorherbestimmung (Calvin) oder Entscheidungstheologie (u.a. katholische Kirche) oder etwas dazwischen (viele Freikirchen).

      Überraschen tut mich es aber nicht. Das Gehirn ist ja der Denkapparat. D.h. bei Entscheidungen kommt der Gedanke 1 Sekunde vor der Handlung. Anders wäre es bei Reflexen, die übers Rückenmark gesteuert werden. Da beginnt der Impuls in Hand/Bein und wird im Rückenmark gesteuert und geht dann erst in das Gehirn.

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  4. Ich denke ist, die 35 Prozent soll man in den Fokus nehmen, wie und warum haben sie es geschafft nein zu sagen und den Gehorsam zu verweigern?

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