Minimalismus

Minimalistisch leben heißt der neue Trend, den nun auch meine Frau entdeckt hat. Dies Dank unserer Tochter und der Frage, welche Welt wir ihr einst überlassen werden. Minimalismus bedeutet, sich unserer Konsumgesellschaft so weit zu entziehen, wie es möglich ist.

Wie weit es möglich ist, darüber gehen die Meinungen natürlich weit auseinander, man kann diesen Lebensstil in wahre Extreme führen. Wir haben kein Extrem erobert, das uns vollkommen autark machen würde und wie man an diesem Blogeintrag bemerken kann: Auch Elektrizität und das Internet wurden bei uns noch nicht abgeschafft. Aber nun einmal im Ernst: Es macht Sinn, sich zu fragen, welche Neuanschaffungen wirklich notwendig sind, wie viele Kleidungsstücke ich tatsächlich benötige, wie voll gestellt meine Wohnung sein soll, in welchen Rhythmen Altes durch Neues ersetzt wird, ob mehr wirklich glücklicher macht. Der Minimalismus wird dabei sinnvollerweise begleitet von der Frage, wie nachhaltig oder wie fair gehandelt die Güter sind, auf die ich nicht verzichten möchte.

Auf diesem Blog will ich neben der Ökologischen eine weitere Dimension hinzufügen. Der Trend mag auf den ersten Blick ein Grüner sein, aber eigentlich entdeckt er eine Wahrheit wieder, die fast alle Religionen schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden predigen. Es lässt sich auch eine geistliche Seite dahinter entdecken.

Jesus ist unser Erlöser. Was bedeutet das denn? Wovon hat er uns erlöst? Denke groß: Von allen Bindungen, die uns fesseln. Das war biblisch immer auch ganz materiell zu verstehen. Jesus spricht zum reichen Jüngling: „Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen […] und komm, folge mir nach!“ (Mk 10). Von Jesus Jüngern wird berichtet, dass sie alles zurückließen, um ihm nachzufolgen (Mk 1, Mt. 4). Als sie bei ihm waren lebten sie minimalistisch, nicht einmal ein zweites Hemd nahmen sie mit als er sie aussandte (Lk 9).

Das soll keiner christlichen Idealisierung von Armut den Mund reden. Nicht um die Armut per se ging es Jesus. Jesus versprach Leben im Überfluss und dass die Bedürfnisse der Jünger nicht zu kurz kämen, was trotz der ärmlichen Lebensweise keiner der Jünger verneinte. Der Leib ist in der Bibel nichts Böses, den man in Askese züchtigen müsste, auch dessen Bedürfnisse werden nirgends verworfen. Ganz im Gegenteil. Schon im Abendmahl und im Glauben an die leibliche Auferstehung zeigt sich die Sinnlichkeit echten christlichen Glaubens.

Worum es im Geistlichen geht: Freiheit.

Konsum des Konsums wegen bindet mich, er versucht in mir etwas zu befriedigen, das  Güter gar nicht befriedigen können. Diese Güter haben einen Zweck, die Kleidung soll mich wärmen und schützen, das Verkehrsmittel mich von A nach B bringen, ein Waschmittel eine gesundheitsfördernde Hygiene herstellen. Aber mit ihren funktionalen Zwecken erschöpft sich der Sinn jener Konsumgüter auch schon. Sie können diesen nicht transzendieren, auch wenn ich noch so viele zusätzliche Bedürfnisse in sie hineinprojiziere. Wenn ich mehr durch sie befriedigen möchte, laufe ich in die Irre und begebe mich in eine gefährliche Abhängigkeit. Außerden verursachen sie einen bedrohlichen Teufelskreis: Je mehr Güter ich habe, desto mehr Konsum benötige ich auch in Zukunft, um meinen Standard halten zu können. Gewöhnungseffekte lassen gar ein fast exponentielles Wachstum zu. Dafür wiederum benötige ich ein entsprechendes Einkommen. Dieses Einkommen macht mich abhängig von Vorgesetzten, Auftraggebern, und so weiter. Da weder die Gunst meines Vorgesetzten, mein Arbeitsplatz an sich oder die Nachfrage von Kunden oder Auftraggebern auf Ewigkeit in Stein gemeißelt ist steckt hinter allem stets auch immer die Angst mein Einkommen zu verlieren und damit den Standard, an den ich mich durch meinen Konsum und mein Eigentum gewöhnt habe, insbesondere wenn dahinter Kredite stehen.

Minimalismus kann neben ökologischen Zielen ein Weg sein, Gütern wieder ihre richtige  Bedeutung zuzumessen. Er kann mir Luft geben zum Atmen, mich wieder frei zu fühlen, mich voll auf das Wichtige zu fokussieren und damit auch Folge-Bindungen und Ängste zu überwinden, somit auch charakterlich integer zu bleiben. Da Jesus die Überwindung von Bindungen bis hin zum Tod bedeutet, liegt daher auch eine minimalistische Lebensweise nahe. Nicht wegen des Minimalismus als Selbstzweck, sondern weil in der so geschaffenen Freiheit und durch den Glauben an eine Person statt einer Sache Abhängigkeiten fallen und das tatsächlich Wichtige und Ewige ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit rückt.

Hier sind evangelischen Christen vielleicht etwas die wertvollen Erfahrungen katholischer oder orthodoxer Mönche bzw. Nonnen abhanden gekommen, die wir im Guten gerne wiederentdecken dürfen.

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Veröffentlicht in Blog, Theologie
3 comments on “Minimalismus
  1. ananda75 sagt:

    Ich mach das schon lange – nicht fanatisch, aber als Grund-Haltung
    Ich hab nicht gerne Sachen, ich hab lieber Raum und in meiner 35 qm- Wohnung mehr Platz als manch einer in vier Räumen 🙂
    ich fahr Öffentliche statt Auto – klar, manchmal wär man mit dem Auto schneller da, aber dafür hat man das dann auch an den Hacken hängen… Inspektionen, Benzin, Parkplätze –
    Hier bei uns im Ruhrpott wird es zur Plage, das Auto, auf den Straßen und Autobahnen, überall werden mehr und mehr Parkhäuser gebaut und reichen doch nicht…
    Dann die ganze Einkauferei – klar, kauf ich mir auch mal was, aber nix, was ich nicht brauche
    Ich hab auch mehr Kleidung, als ich unbedingt bräuchte, aber weniger als viele andere Menschen
    Man muss ja nicht übertreiben, wichtiger ist die Haltung
    Es ist ein Sahne-Häubchen, Dinge zu haben, die man nicht braucht, mehr nicht
    Internet? Auch das kann man ja schließlich so oder so nutzen

    … und siehe auch mein Post über Illusionen… es bleibt ja doch nichts dauerhaft und es kann auch nichts dauerhaft befriedigen, außer dem, das bleibt

    … und auch hier sind sich Christen und Buddhisten einig 😉
    Bindungen, Anhaftung…

    Lieben Gruß an Frau und Kind ❤

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  2. Weniger ist mehr
    Ich weiß, dass ich nichts weiß (Sokrates)-
    Bettelmönche
    Franz von Assisi
    Jesus und seine Jünger
    Je weniger ich im Außen habe woran mein Herz hängt, desto freier bin ich für Liebe, Glück, Freude, Frieden etc.
    „Sammelt Euch keine irdischen Güter, die von Rost und Motten zerfressen werden, sammelt
    Euch Güter des Himmels, die ewig bleiben.“

    Gefällt 2 Personen

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