Das einfache Glück

Gelegentlich sitze ich im Bus und male mir aus, wer wohl mein Nebensitzer ist, welche Geschichte sich hinter ihm verbirgt und wohin er nun unterwegs ist, die Konflikte, die heute vor ihm liegen, Träume und Sehnsüchte. Eine ganze Welt hänge ich ihm an. Und ich spinne sie weiter, wenn ich ihn das nächste Mal sehe bis eine große Märchengeschichte daraus wird. Wie enttäuscht ich wohl von der Wirklichkeit wäre und vielleicht wäre er mir gar nicht so sympathisch, wie ich es ihm angedichtet habe. Dennoch lasse ich nicht davon ab, es ist ein Vergnügen die eigene Fantasie spielen zu lassen.

Diese kindliche Art des im ersten Blick Sinnlosen konzentriert mehr Lebensfülle als es die allermeisten ernsten Gedanken hervorbringen. Wer glücklich sein möchte, muss es lernen Sinnlosigkeit zuzulassen. Zu spielen. Gerade im Sinnlosen verbirgt sich oft wahre Sinnhaftigkeit. Das kindliche Spiel erlaubt es die gesellschaftlich vorgegebene Welt für den Moment auszuknipsen. Durch diese Entfernung vom „Erwachsenen“ deaktiviere ich auch die vielen Täuschungen und Zwänge, die man mir einredete, die mich vom Leben und seinem doch eigentlich so simplen Glück fern halten.

Was für eine schöne Welt ist jene, in der wir leben, da noch Behinderte in ihr Leben haben. Die oft unbefangen, freie Glückseligkeit geistig Behinderter ist mir ein Spiegel, sie erinnert mich, dass weder mein Verstand noch alles Geld der Welt, mich bis hinab in mein Innerstes befriedigen können. Sie zeigen mir die Weisheit hinter allem, das Jesus von uns forderte, wie die Kinder zu werden, wie selig die im Geist Armen sind. Ihr Lächeln ist authentisch, anders als das künstliche Verkäuferlachen, das mir sonst so oft begegnet.

Doch was tun wir in unserer Sinnsuche, die wir allzu oft in „Erwachsenem“, in Ordnung, Effizienz, Produktivität oder Normalität suchen: Wir verweigern Behinderten mit zunehmender Zahl das Leben. Als könnten wir diesen Spiegel nicht mehr ertragen, der alles ad absurdum führt, das wir uns einredeten und dem wir in unserem erwachsenen Leben hinterherjagen. Es kann unmöglich so einfach sein, wenn ich mich doch jeden Tag so anstrengen muss. Einfachheit muss einfach Leid bedeuten und Geld Glück, wo ich mich doch so danach ausstrecke. Indem ich mich gegen sie wende, richte ich auch mich, und letztlich alle beflügelnde Fantasie, die im Sinnlosen, im Sinne von Unzweckmäßigen existiert. Und drehe die Wirklichkeit damit auf den Kopf. Vielleicht nämlich finde ich den Sinn gar nur im Nicht-Zweckmäßigen? Was für Gutes bringt mir ein Zweck denn auch, wenn er dem Einfachen, dem Kind in mir und Behinderten keinen Raum lässt?

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Ein Kommentar zu „Das einfache Glück

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  1. Sehr interessante Gedanken. Die Mischung macht es, glaube ich. NUR „Zweck und Sinn“ führt auf Dauer zu Schwermut oder tiefe Frustration. Die Einfachheit der so genannten geistig behinderten Menschen hingegen mag echt und authentisch sein, ist aber in dieser unseren Welt ohne fremde Hilfe nicht überlebensfähig.

    Begegnungen mit meinen Alltags-Mit-Menschen – das ist für mich eine subtile Angelegenheit. Spüren, fühlen – decken sich Körperhaltung, Duktus, Mimik, Aussage ? Und – für mich sehr wichtig – riecht der oder die Betreffende „gut“? Falls nicht, dann ist das schon mal eher schlecht 🙂 Vorstellungen habe ich bei den meisten Begegnungen eher nicht – aber bestimmt kann das unterhaltsam sein.

    Grüße !

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