Mit der Bergpredigt lässt sich keine Politik machen…

Mag das womöglich stimmen, die Ansprüche der Bergpredigt sind göttlicher Natur und die Systeme, in denen wir leben, folgen Logiken, die auf die Natur des Menschen abgestimmt sind. Die Liebe des Feindesliebenden landete bereits ein Mal am Kreuz, als Individuum kann man diese Konsequenz womöglich noch für sich persönlich ziehen, als Politiker aber schwerlich von seinem Staat und sogar den nicht-religiösen Mitgliedern  verlangen.

Dennoch kann dies kein Argument dafür sein, die Bergpredigt reinen Gewissens bei Seite zu schieben bis man dann mal eines Tages vor der Himmelspforte steht. Diese Worte – so sehr sie unseren menschlich-weltlichen Widerspruch herausfordern – sind Wort des Gottes, an den wir als Christen glauben. Seine Aufforderung ihm und damit ihnen nachzufolgen ist nicht nur eine theoretische, die wir als solche nur in himmlischer Heiligkeit beantworten könnten und daher in hochtrabender Theologie gar von uns weisen müssen. Es ist ein Gebot, das über uns ausgesprochen wird, zum Gericht weil wir daran scheitern, aber allem Scheitern zum Trotz dennoch in vollem Ernst. „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt 5, 20)

Können wir uns also der Verantwortung entziehen, in die uns Jesus hineinruft? Wir sollen dem Bösen nicht widerstreben, unsere Feinde lieben, kurzum wir sollen ganz und gar dem Guten anhängen, blind bleiben für das Böse, gegen das zu kämpfen unsere innere Natur uns verleiten möchte.

Aber wie können wir die Worte der Bergpredigt auch nur aussprechen, wo wir doch von ihrer Unmöglichkeit wissen? Zerstört nicht das Wissen um unser Scheitern alle Möglichkeit sie ohne Zynismus oder Ironie mit unseren Lippen nachzusprechen? Wie können wir nicht zynisch werden, wenn wir sehen, welche Notwendigkeiten und Zwänge uns Politik und Wirtschaft tagtäglich vorzeigen, die nicht nur nicht mit der Bergpredigt vereinbar sind sondern in eine ganz andere Richtung gehen?

Ohne die Gnade eines gütigen Gottes kommen wir aus dieser Zwickmühle nicht heraus. Und doch ist die Theologie meines Erachtens zu flach, wenn sie in ihrer nachösterlichen Erkenntnis von der Gnade Gottes stecken bleibt und den Ernst aus Jesus Worten wegnimmt, wenn er auf dem Berg seinen Mund auftat: „Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt hast.“ (Mt 5,26)

Die Wirklichkeit liegt in unserem Glauben.

Ob wir Politik mit der Bergpredigt machen können oder nicht sind nur Theorien. Wir formen uns Modelle von der Welt aus empirischen Erfahrungen oder logischen Überlegungen. Aber es sind nur menschengemachte Vorstellungen der Wahrheit, bestenfalls Annäherungen an sie. Die Vergangenheit ist kein Naturgesetz für die Zukunft, die muss sich nicht ständig wiederholen, das empirisch Erlebte lässt sich mindestens im Sozialen ändern. Logische Geschlossenheit wiederum sagt nur etwas über die innere Konsistenz einer Theorie aus, nicht aber ob sie auch wahr ist. Worauf letztendlich alles hinausläuft ist der Glaube: Worin setze ich mein Vertrauen? Die Empirie zeigt nämlich auch, dass Teufelskreise z.B. der Gewalt durchbrochen werden können, dann wenn alle Beteiligten an deren Ende glaubten. Soziales Miteinander wird in sehr großem Maß durch  Glaubensstrukturen determiniert. Ich denke nur an selbsterfüllende Prophezeiungen.

Wenn ich meine Gedanken zum Schweigen bringe, nur noch das Wort Christi verbleiben lasse, diesem in naiver Simplizität glaube, kann ich mehr Gutes bewirken – trotz der Schlechtigkeit und des Scheiterns in dieser, das Feindesliebende ans Kreuz verbannenden Welt –  als wenn ich mich der Logik Derjenigen beuge, welche die Bergpredigt aus allem und insbesondere der Politik heraushalten. Denn bereits der Glaube, es könnte wahr werden, wird es an manchen Orten wahr werden lassen. Aber selbst wenn da doch Scheitern ist: Jesus am Kreuz hat mehr bewirkt als der Schwert schwingende Messias hätte erreichen können, den sich seine Anhänger so wünschten. Wer weiß welche Früchte das Scheitern am Ende doch noch hervorbringen wird.

Wir werden keine ganz auf der Bergpredigt aufbauende Politik erleben. Das ist realistisch. Aber als Christen kommen wir nicht an der Bergpredigt vorbei. Wir müssen uns ihr Stellen und an ihr den Ernst unseres Glaubens hinterfragen. Am Ende kommt eine Entscheidung: Wem glaube ich mehr und wer wird das letzte Wort sprechen?

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