Als gehörte ich nicht dazu…

…wandere ich durch die Fußgängerzone und beobachte die Menschen. Wie ein Meer an Ameisen sehen die Massen aus der Entfernung aus. Viele sehr unterschiedliche Menschen begegnen mir hier, jeder anders in Statur, Kleidung, Gestik. Aber aus der Distanz nur ein Sandkörnchen unter vielen. Fast schon bedeutungslos wirken sie auf diese Weise. Und irgendwo läuft einer dieser Sandkörnchen durch die Straße und wirft einen kurzen, beobachtenden Blick auf mich, sieht meine Durchschnittlichkeit und fragt sich, wohin ich gehe oder woher ich komme und welche Bedeutung ich inmitten dieser Menschenmenge habe.

So viele leben und sterben vor sich hin, in kleinen, unwichtigen, aber doch eigentlich subjektiv sehr mit Wert angereicherten Momenten. Vielleicht erzählt einer von ihnen gerade einen Witz. Dieser Witz wird die Welt nicht verändern, keinen Hungernden sättigen, keinen Kranken heilen, aber er macht das Leben des Erzählers und seiner zwei, drei Zuhörer lebenswert. Lachen schallt durch die Straßen. Im selben Moment spricht ein UN Gesandter vom Klimawandel, bewegt mit seinen wohl formulierten Schallwellen wichtige Entscheidungen in die richtige Richtung, doch am Abend kehrt er ungeachtet seiner Wirkungskraft innerlich leer und einsam in sein Hotelzimmer ein.

Ich gehe an einer Gruppe vorbei, die lauthals über ihre Arbeit diskutiert. Einfache Arbeiter und höre in meinem Kopf, wie sich die Stimmen weiterentwickeln und sie von „denen da oben“ anfangen und welchen Beschränkungen sie unterliegen, was sie tun würden, hätte das Leben einen anderen Verlauf für sie genommen. Aber ich denke mir ihre Grenzen sind eine Illusion, in ihrem Zusammensein haben sie alles gewonnen, „der da oben“ wird kein Stück glücklicher werden als sie es in diesem schlichten Moment geteilter Zeit jetzt schon sind. Er wird mehr Sorgen haben und die Zeit nicht einfach verbringen können.

Ist das Sandkorn am Ende wichtiger als der Strand? Wir sehnen uns nach dem Großen Gamechanger, warten auf den Tag der Abrechnung, an dem sich der Tisch dreht, das Große zusammengestutzt wird, wenn ER donnernd die Wolken durchbricht und in seiner Herrlichkeit Babylon fällt. Dabei haben wir ihn schon jetzt bei uns, die Gemeinschaft miteinander und mit ihm, das Gebet und das Abendmahl, besser als das kann es gar nicht werden.

Wir sind nur Sandkörner, beliebig austauschbar betrachtet man uns aus der Entfernung in Mitten so vieler, vieler anderer Menschen, oft unbedeutend in unseren Wirkungen, sehr beschränkt in vielerlei Hinsicht. Aber aus der Nähe beobachtet hat ein jedes Sandkorn eine Geschichte wie kein zweites, hat sich in seiner Geschichte an anderen Steinen gerieben bis es genau die Gestalt bekam, die es jetzt hat. Der Strand dagegen ist eine Fehldeutung, er existiert gar nicht wirklich, er ist nichts unabhängig von den Sandkörnern. Wer finden will, was wahrhafte Wirklichkeit ist, muss das Kleine erforschen. Wer Sinn will, im Alltäglichen suchen.

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Veröffentlicht in Alltag, Blog
2 comments on “Als gehörte ich nicht dazu…
  1. ananda75 sagt:

    Ich bin auch lange durch die Menschen gelaufen als gehöre ich nicht dazu
    Aber gar nicht dazu
    Alien
    Unverständnis für das, was die alle machen und reden…
    Inzwischen… noch nicht immer… aber es kommt schon vor…
    Gestern, in einem völlig überfüllten Zug
    Menschen wie Ölsardinen, weinendes Klein-Kind, warm, eng, Koffer standen auch noch da rum
    Und ich stand da einfach
    Gedrängt zwischen Menschen
    Zwischen den Menschen, unter denen ich mich so lange fremd gefühlt hatte
    Und im einfach nur da sein
    Fiel mein Blick auf diese Frau
    Weiß nicht, aus welchem Land… aber sicherlich aus einem, wo überfüllte Züge keine Seltenheit sind… dachte ich so…
    Und sie saß da einfach… auf ihrer Reisetasche…
    Mit einer Ruhe… mit Würde
    Nein, es war keine „besonders schöne“ Frau
    Aber ich sah diese Schönheit
    Und ich sah weiter… die anderen Menschen an… irgendwelche, ganz normalen, durchschnittlichen Menschen
    Und ich sah die Schönheit in ihnen… die da war… überall

    Sieh Gott und das Gute in jedem Gesicht
    Sieh mit den Augen der Liebe

    Alles Liebe ❤

    Gefällt 2 Personen

    • Utopio sagt:

      Ja das sind schöne Momente. Wenn man zwischen den ich sage mal Wahrnehmungen wechselt.

      Im einen Moment nur die Masse vor Augen. Alle irgendwie sinnlos und weit weg. Im nächsten sieht man den Einzelnen mit seiner eigenen Schönheit.

      Gefällt 1 Person

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