Die Familie sucht man sich nicht aus

Wenn die Familienkonflikte hervorquellen und ihre ganze Dysfunktionalität im denkbar ungünstigsten Moment zum Vorschein bringen, frage ich mich manchmal, ob ich mich vielleicht versehentlich ins Set der neusten RTL II Sendung verirrt habe. An welcher Stelle bin ich nur falsch abgebogen, wollte ich doch eigentlich in einer Romantikkomödie mitspielen.

Gerade am Sterbebett meiner Großmutter sollte doch nach all den verlorenen Jahren jeder nur ein klein wenig die Zähne zusammenbeißen. Aber statt wenigstens für kurze Zeit den Frieden zu wahren, schwemmt die anbrechende Trauer all die vergrabene Aggression zutage, die so lange gehegt und gepflegt worden war. Vergessen wie schön es einst war. Stattdessen treten die Brüder wie schon einst Kain und Abel einander in hässlicher Feindschaft gegenüber. Die Jahre gemeinsam durchlachter Kindheit, die einstige Einheit, längst weggewischte Erinnerung. Was bleibt ist die grässliche Fratze des Hasses.

Welcher Dämon ist es gewesen, der meine Familie derart entzweite? Wo hat das Unheil seinen Ursprung genommen? War es beim Großvater oder lag dem noch ein tieferer Bruch zugrunde? Ich kann die Gewitterwolken aufmarschieren sehen, wenn sie alle an jenes Bett treten, jede falsche Bewegung kann den Waffenstillstand brechen. Welch finstere Macht hat uns hier in ihren Griff genommen? Die verletzten Kinderseelen dieser schon lange erwachsenen Männer haben sich gerüstet, ihre nächste Schlacht zu schlagen. Dabei wäre es der Großmutter größter Wunsch gewesen, dass sie zur weißen Flagge griffen. Doch wer denkt in dieser Stunde noch an etwas anderes als den eigenen Schmerz?

Wie kann der Fluch gebrochen werden? Was anderes kann es sein als das? Es muss irgendwie anders werden. Kyrie eleison.

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Veröffentlicht in Alltag, Blog
15 comments on “Die Familie sucht man sich nicht aus
  1. Rolf Oetinger sagt:

    Tja, ich kanns verstehen….

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  2. Ja, Auch ich kann es zutiefst verstehen. Krankheit, sterben und Tod lassen wirklich sämtliche Masken fallen. Da kommt wirklich alles auf den Tisch. Und gerade dann , wenn es am unpassendsten erscheint und wir glauben dafür nicht auch noch die Kraft zu haben. Aber so paradox es klingen mag, gerade im Auftauchen der alten Wunden liegt ja auch die Chance sie zu betrauern und damit die Chance auf Heilung.Vielleicht kann ja sogar genau darin der positive Aspekt des Todes, der sich hinter all dem Schmerz und all dem Kummer den er ansonsten mit sich bringt , gesehen werden?

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  3. ananda75 sagt:

    Trauma-Therapie – die für dich richtige
    Und Ja – Es geht – du kannst dein Erleben der Vergangenheit ändern
    (siehe Funktionsweise des Gehirns, hab ich schon oft drüber gesprochen )
    Geheilt muss das werden im Inneren, sonst wird immer wieder das Gleiche hervor brechen

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    • ananda75 sagt:

      Und deine Familie ändert sich mit – meine Erfahrung und die anderer Menschen

      Warum hast du so eine Familie?
      Alles hat seinen Grund – für dich
      DU kannst einen Unterschied machen
      Die Kreise durch brechen
      Wenn du es nicht könntest hätte Gott dir nicht diese Familie verpasst

      In Liebe ❤
      Mir tut’s auch im Herzen weh, was ich da lese

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    • Utopio sagt:

      Die Konflikte betreffen nur indirekt mich. Ich bin kein Teil des Familienmusters sondern in der nächsten Generation nur Leidtragender. Problem ist, dass die Konflikte zwischen meinem Vater und seinen Brüdern gleich auf alle Anhängsel ausgedehnt wird. Und dass der Konflikt jetzt wieder mal zu eskalieren droht.

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      • ananda75 sagt:

        „Ich bin kein Teil des Familienmusters sondern in der nächsten Generation nur Leidtragender“

        Klar … so geht uns das fast allen …wir tragen das Leid der Generationen vor uns …

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  4. Hat dies auf Come Together rebloggt und kommentierte:
    Was für ein unglaublich bewegender Text. So authentisch und so ehrlich, dass er mich bereits morgens um 7.00 Uhr (des Denkens ansonsten noch kaum mächtig!!!) dazu gebracht hat, einen Kommentar dazu zu verfassen.

    Ja, auch ich, auch unsere Familie kennt diese Situationen. Ich bin krank, schwer krank. Und anstatt, dass es uns gelingt diese Situation und das Leben mit der Erkrankung gemeinsam und in Harmonie zu meistern, kommt es immer wieder zu äußerst unschönen Szenen.

    Da kommt ein schwerer Krankheitsschub, verbunden mit Schmerzen, Hilflosigkeit und nicht selten auch mit Todesangst und ehe wir uns versehen herrscht in unserer Familie nicht mehr Harmonie, sondern vielmehr das allergrößte Chaos.

    Die Krankheit deckt einfach alles an unausgesprochenen Erwartungen auf, bringt alle Verletzungen, alle unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte ungeschminkt auf den Tisch. Gerade dann, wenn mich (und meine Familie) die Krankheit am härtesten trifft, fallen alle Masken. Plötzlich kann nichts mehr davon, was ansonsten mühsam verborgen wird unter Dach und Fach gehalten werden.

    Dinge kommen ans Licht, die ansonsten „wohlwollend“ zurück gehalten werden, die verschwiegen und unter dem Deckmäntelchen „des guten Anstandes“, der „Toleranz“ unausgesprochen bleiben, werden durch die Brutalität der Erkrankung unbarmherzig ans Licht gebracht. Die, ansonsten so gut funktionierende, Abwehr bricht förmlich zusammen. Unser Menschsein mit all seinen Schattenseiten, mit all seiner Kleinheit, seiner Unzulänglichkeit und manchmal auch Hässlichkeit wird unbarmherzig zu Tage gefördert.

    Situationen werden da erzeugt, in denen ich das Gefühl habe mein Leben (und das meiner Familie) zerbricht in sämtliche Einzelteile. Ist rettungslos verloren, zerstört durch die Krankheit. Zerstört durch die jahrelange immer wieder erlebte Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit, die uns unweigerlich und ohne Erbarmen an unsere äußersten Grenzen gebracht hat.

    Und doch, letztendlich sind wir nicht zerbrochen. Sind immer wieder aufgestanden, haben versucht Lösungen zu finden. Haben Wege gefunden, das was da an die Oberfläche gelangt ist, in unsere Familie, in unsere Beziehungen zueinander, zu integrieren. Und blicke ich zurück, so kann ich behaupten, dass unsere Familie nach 17 Jahren Krankheit nicht zerbrochen ist. Ja, ich glaube sogar behaupten zu können, dass unsere Beziehungen zueinander gewachsen sind. An Tiefe und Ehrlichkeit gewonnen haben, authentischer geworden sind.

    Nein, perfekt sind unsere Beziehungen bei weitem (noch?!) nicht und ich bin mir sicher, dass wir alle zusammen noch oftmals an unsere Grenzen gelangen werden. Dass es nicht die letzte unschöne Szene gewesen ist, welche der LUPUS mir und meiner Familie beschert hat. Aber in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, habe ich die Zuversicht, dass er es nicht schaffen wird unsere Familie zu zerstören.

    Im Gegenteil. Bislang haben die Grausamkeit, der Schmerz und das Leid, das der LUPUS zwangsläufig mit sich bringt, uns nur noch näher zueinander gebracht. Es hat uns allen gezeigt, dass wir auch mit unseren Schattenseiten lieben und geliebt werden können. Er hat mir gezeigt, dass ich in der Lage dazu, bin auch die dunklen, zerstörerischen Seiten in mir und in den Menschen die ich liebe, anzunehmen.

    Nein, es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass ich vermag den Tod und all das Leiden das er mit sich bringt willkommen zu heißen, aber zumindest kann ich zeitweise den Sinn erahnen, der sich hinter all den schmerzlichen und leidvollen Erfahrungen zu verbergen scheint.

    Danke dafür, dass ich heute daran erinnert wurde!!!!!

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  5. Reiner sagt:

    Wir sind immer Teil unserer Familiengeschichte … auch ich kenne diese Zerrissenheit, obgleich die Betreffenden längst nicht mehr leben. Es lässt sich aus den Fragmenten, die ich kenne, nur erahnen, worum es einst ging. Mich macht es jedesmal fassungslos, wenn ich in meinem Umfeld sehe, wie im Angesicht des Todes Situationen eskalieren, uralte Zerwürfnisse wieder feurige Fahrt gewinnen.

    Es soll doch sein Abschied, nicht Abrechnung.

    Lieben Gruß!

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    • Utopio sagt:

      Sollte es. Aber keiner kann aus seiner Haut. Trotzdem wundert es mich. Ich hätte erwartet, dass man sich bis zur Beerdigung zusammenraut und es danach kracht. Aber wenns nix zu erben gibt und auch sonst kaum Kontakt besteht, muss man den Krach halt schon vorher einleiten ^^

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      • Reiner sagt:

        Ja, es kommt alles auf dem Tisch. Ungleichbehandlungen durch die Eltern, Neid, Missgunst, alte Kränkungen. All dies ist auch kennzeichnend für Familien, in denen nicht die geringste Spiritualität, kein Anstand und keine Achtung zu finden ist. Familien, deren Glaube sich auf die deutsche Bank beschränkte … es ist traurig.

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  6. Ja, es ist traurig. Und es kommt ihn so vielen Familien vor. Aber schlussendlich glaube ich nicht, dass es um fehlenden Anstand, Geld oder Erbe geht. An der Oberfläche wohl schon sehr oft, darunter liegen aber die uralten Verletzungen die von Generation zu Generation (unbewusst ) weiter gegeben werden. Auch unsere Familie kann ein Lied davon singen und ich glaube ich wünsche mir nichts mehr, als dass es uns gelingt all diese Dinge zur Heilung zu bringen bevor der Tag des Abschieds kommt.

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  7. bithya85 sagt:

    Ich hab ganz Ähnliches erlebt. Gute Besserung. Ich wünsche euch, dass ihr wieder zu einander findet.

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