Warum Fasten?

Wie kann Fasten auch nur einen Hauch Gutes bringen? Mehr ist doch immer besser, wenngleich auch mit abnehmendem Grenznutzen. Es widerspricht den Grundideen unseres abendländischen Denken und Handelns. Befreiung kann ich unmöglich durch weniger erlangen, das ließe am Ende nichts als sinnlose Leere zurück. Ist es eine heimliche Romantisierung von Armut? Sollen sich die Menschen auf der Verliererseite  mit solchen Traditionen mal 40 Tage weniger wertlos fühlen? Goldmedaillen werden gezählt, die Anzahl, ihr Wert und die Größe müssen stimmen. Dabei sein ist alles? Das hat man dem Moppelchen, der immer als letztes ins Fußballteam gewählt wurde, auch immer erzählt. Das wahre olympische Motto aber hieß schon immer: Citius, altius, fortius –  Schneller, höher, stärker. Wie soll mir dabei Fasten helfen?

Dagegen steht die Beobachtung, dass in allen großen Weltreligionen Fastenzeiten oder andere Arten der temporären oder dauerhaften Entsagung eine wichtige Rolle spielen. Im Christentum freilich in der ambivalenten Situation, dass im Evangelium keine gesetzlichen Traditionen/keine religiösen Pflichten mehr gelten. Aber dennoch hat sich auch hier eine Fastenzeit entwickelt, die auf Grund des ihr zugesprochenen Werts immer mehr auch in evangelischen Landes- und Freikirchen gelebt wird. In diesen abgewandelt in eine eher individualisierte Form der Entsagung an Stelle von Regeln, die 1:1 zu befolgen sind. Aber Fasten hat noch über die Religionen hinaus Anhänger gefunden. Sogar in der säkularisierten Gesellschaft greift unter dem Stichwort des Minimalismus eine Form der Askese um sich, die sich in einer Art Dauerfasten, aller überflüssigen Dinge entledigen möchte. Weniger ist mehr ist das Motto.

Im Fasten spiegelt sich ein klares Nein zum Materialismus unserer abendländischen Kultur wider. Wann führt mich weniger nicht in sinnlose Leere? Wenn in oder hinter dem materiellen Nichts ein immaterielles Etwas existiert. Das muss noch nicht einmal ein theistiches Etwas sein, im modernen Minimalismus kann es auch nur ein aus Selbstreflexion erkanntes psychologisches Etwas sein: Der Mensch lebt eben nicht vom Brot alleine (Mt. 4,17). Ein Mensch verwelkt, wenn ihm nicht mehr als die nackte Existenz und die bloße Anhäufung nackter, materieller Dinge geboten wird. Selbst der begierigste Materialist sucht hinter den Dingen eine psychische Wirkung, die das Ding als solches transzendiert, denn das bloße Mehr bedeutet nichts als eine wert-lose Zahl, wenn dahinter nicht noch etwas anderes gemehrt wird, was auch immer das für den Einzelnen ist.

Im Fasten wird das Alltägliche, Materielle, das uns ständig Umgebende und in Beschlag Nehmende, das unsere Gedanken gefangen und im Griff Haltende, unsere Aufmerksamkeit Betäubende, ein Stück zurückgedrängt. Im Weniger wollen wir uns den eigenen Zwängen und Gittern bewusst stellen, sehen was wahrhaft hinter unseren Routinen an Substanz steckt. Wir nehmen uns Zeit uns selbst und die materielle Welt zu hinterfragen. In der Hoffnung im Weniger ein neues Etwas, ein mehr von etwas anderem zu entdecken. An Ostern wird nämlich etwas geschehen, das unsere ganze Welt auf den Kopf stellt. Das wollen wir nicht verpassen.

 

 

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