Kindliche Geborgenheit

Meine Frau streicht unserer im Bett liegenden Tochter zärtlich über die Wange, hat sich neben sie gelegt. Deren Atem beruhigt sich mit jeder Berührung spürbar, die Muskeln entspannen sich, die Welt und was sie in ihr beunruhigte rücken von ihr ab bis nur noch die Sicherheit spendende Nähe zur Mutter im kleinen Geist verhaftet bleibt. In Geborgenheit gebettet kann sie alle dunklen Gedanken gehen lassen, im kindlichen Glauben an die Mutter, die alles im Griff hat und in deren Nähe nichts geschehen kann, sie rundum versorgt ist.

Wie ich durch die nächtliche Dunkelheit spähe und am Rand des Betts stehend die Szene beobachte, bemerke ich wie ich diese Form der kindlichen Sicherheit vermisse. Nach den schweren Zeiten des Erwachsenwerdens komme ich nun ausgezeichnet alleine zurecht, kann mein Leben meistern und habe alles unter Kontrolle. Aber die Erinnerung an ein Gefühl, sich gänzlich auf die Versorgung der Eltern verlassen, keine eigene Leistung erbringen, keine Verantwortung tragen müssen, ist tief im Unterbewusstsein verankert.

Es ist eine naive Sehnsucht, ich kann mich heute besser um mich kümmern als es meine Eltern je konnten. Ich weiß um die Schwäche eines jeden Menschen, auf Nichts und Niemanden ist wirklich je tatsächlich Verlass. Die kindliche Abhängigkeit zu überwinden ermöglicht es mir erst meinerseits auf ein Kind aufzupassen, dieses Urvertrauen selbst jenem kleinen Wesen zu schenken.

Und dennoch wäre es ebenso naiv und überheblich zu behaupten ich hätte tatsächlich alles im Griff. Wie viele, die gestern noch gefeiert wurden, sind am nächsten Morgen schon vom Thron gestürzt. Ein falscher Schritt genügt, um das Leben ins Gegenteil zu verkehren. Und dann sind da noch all die vielen Ereignisse, die das Leben uns schickt, die wir nicht im geringsten selbst unter Kontrolle haben. Zoome ich aus mir heraus bin ich nur ein kleines Sandkörnchen in Mitten einer Masse von Milliarden Menschen, eingebettet in ein verletzliches Ökosystem eines winzigen Planeten, irgendwo unten rechts auf der astronomischen Landkarte.

Man mag Folgendes als bloße Projektion abtun, wenn dem aber so wäre, wie könnte ein Mensch ohne positiv prägende Kindheitserfahrungen, dieselben Empfindungen haben? Wie dem auch sei, psychologisch bedingt oder mit transzendentem Hintergrund, das Unterbewusstsein hat die Erinnerung an die sich sorgenden Eltern in eine Sehnsucht nach den Streicheleinheiten eines Vaters über den menschlichen Vätern verwandelt. Im himmlischen Vater finde ich diesen, in ihm will ich mich betten, mich in die mystische Erfahrung des christlichen Vaterverständnisses begeben. Hier weiß ich, dass jener unsichtbare Nebel der Zukunft mich nicht zu erschrecken braucht, weil ich einen habe, der schon hindurchgesehen hat und mir im Bett neben mir liegend zuspricht: „Fürchte dich nicht!“

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