Introversion – Abgrenzung zur Schüchternheit

Viele merkwürdige Vorstellungen kursieren von introvertierten Personen. Zu gerne wird Introversion mit Schüchternheit oder sozialen Phobien in einen Topf geworden. Da mag es durchaus Überschneidungen geben, ein introvertierter Mensch entwickelt diese in einer extrovertierten Umgebung sicherlich häufiger, da er sich wie ein Alien fühlen muss. Gerade in der Findungsphase als junger Mensch, wenn die eigene Identität noch eine Entdeckungsreise ist und vielerlei Unsicherheiten am Wegrand lauern.

Tatsächlich aber sind Schüchternheit oder dessen extremste Form, die soziale Phobie, grundverschieden von der Introversion. Um das zu realisieren braucht es vielleicht eine introvertierte Persönlichkeit, die sich gänzlich ihrer selbst bewusst ist, die selbstbewusst und keineswegs ängstlich agiert. Wer seinen Platz im Leben gefunden hat, wird diese Angst hinter sich lassen, wer sich als introvertierte Person annimmt und sich des Anpassungsdrucks einer extrovertierten Umgebung entziehen kann, wird eine ganz andere Art von Mensch werden. Introversion kann dann als ein Geschenk verstanden werden, geschenkt wurde eine reichhaltige innerliche Welt, Gedanken, Gefühle,  ein kräftiges Vorstellungsvermögen, die Fähigkeit in sich zu ruhen, sich selbst zu genügen, ein leichter Zugang zu intensiven spirituellen Erfahrungen. Und ja, es kann auch manchmal von Vorteil sein, nicht immer etwas unmittelbar sagen oder tun zu müssen, oft reicht anderen durchaus auch ein wortkarges „Ich kümmere mich drum“.

Die Schwierigkeit Introversion von Schüchternheit zu unterscheiden liegt womöglich darin, dass Introvertiere weniger offensiv nach außen vermarkten, was ihnen doch eigentlich am kostbarsten ist: Ihr Inneres. Woher aber soll ein anderer dann wissen, was in einem vorgeht, Angst oder doch etwas ganz anderes. Fernsehserien bieten hier vielleicht eine gute Brücke, um den gedanklichen Perspektivwechsel hinzubekommen und sich in einen Introvertierten reinfühlen zu können. Daher will ich einmal einen der seltenen Beispiele einer Fernsehserie nennen, eines nicht-schüchternen Introvertierten: Leroy Gibbs aus NCIS. Der „Boss“, der außer einem Klaps auf den Hinterkopf und einer Ein-Satz-Ansage, was als nächstes getan werden soll, nur wenig direkt kommuniziert, der am liebsten um Energie zu tanken an seinem Schiff bastelt und sich geselligen Runden entzieht.

Und da sind wir bei dem entscheidenden Unterschied zwischen introvertieren und extrovertierten Menschen: Ihre Energiequelle. Stellen wir uns vor wir seien Handys. Wo liegt dann unsere Ladestation? Extrovertierte Menschen gewinnen Energie aus Aktivität und in Gesellschaft mit anderen, introvertierte kostet dies dagegen Kraft. Sie laden ihren Akku auf, wenn sie ihr Inneres pflegen und brauchen daher in regelmäßigen Abständen ihren Rückzugsort. Eine andere Perspektive hat mein früherer Psychologieprofessor eingebracht. Er meinte ein jeder Mensch habe ein für ihn optimales „Aktivitätsniveau“, das er erreichen muss, um sich zufrieden und energetisch ausgeglichen zu fühlen. Bei introvertierten Menschen geschehen dabei innerlich – innerhalb der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt – bereits so viele Aktivitäten, dass sie nur ein geringes Maß äußerer Reize benötigen, um ihr optimales Aktivitätsniveau zu erreichen, ein Übermaß äußerer Aktivitäten führt sogar dazu, über das Ziel hinauzuschießen und daher zum Energieverlust.

Ein introvertierter Mensch kann allerdings durchaus auch sehr gesprächig werden. Bei mir vor allem bei Sachthemen, die mir liegen, z.B. geschäftlichen Problemen. Aber manchmal liegt es auch einfach an der Chemie zwischen zwei Personen. Bei manchen macht es einfach „Klick“. Und da blubbern die Gedanken hervor wie aus einem Wasserfall, solange ich mit dieser Person für mich alleine bin. Bei anderen klickt es dagegen ein Leben lang nicht, die Gesprächsthemen reichen nicht übers Wetter hinaus. Und das muss rein gar nichts mit Sympathie zu tun haben.

Nichts desto trotz bleibt die innere Welt für einen Introvertierten die realere, die Quelle seiner Kraft. Eine Quelle, die gut gepflegt und klever genutzt, auch zu äußerlich starken Impulsen verhelfen kann.

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