Bin ich in einem Film gelandet?

Nie fühlte sich mein Leben surrealer an als in den letzten Tagen und Wochen. Die Meldungen überschlagen sich mit immer neuen Katastrophen und immer stärkeren Maßnahmen die Pandemie zu stoppen. Ich komme mir vor wie in einem Katastrophenfilm. Als es in China wütete und mehrere Millionen unter Quarantäne gesetzt wurden lautete mein Ausspruch noch: „So etwas ist in Europa nicht möglich“.

Doch dieses Mal ging es nicht wie die vielen Male zuvor einfach an uns vorüber. Dieses Mal konnte unser Geld und unsere gefühlte Unverletzlichkeit uns nicht schützen. Bilder von hungernden kleinen schwarzen Babies waren wir gewohnt. Das war alles tragisch, aber es war so weit weg wie der Mars, das waren nicht mehr wir als die leidenden Eisbären am Nordpol, das war nicht Teil unserer Welt. Doch dieses Mal ging es nicht an uns vorüber, gegen dieses Virus sind wir nicht immun, keine letzte Rettung noch bevor es uns erreichte. Jetzt sehen wir das Leid, das unsere Generation gar nicht mehr kannte. Wir sehen es nicht mehr nur in entfernten Teilen der Welt, sondern hier bei uns. In meiner kleinen Stadt sind es schon 20 Fälle und so erkenne ich in welcher Illusion wir lebten: Wir sind keine andere Spezies als das kleine schwarze Baby, wir haben kein angeborenes Recht weniger zu leiden, weniger zu sterben. Es war nur eine Frage der Zeit,

Und doch ist die Illusion so tief in meinem Kopf verankert, dass sich dies jetzt gar nicht real anfühlt, obgleich es realer ist als die Illusion der Unverletzlichkeit. Es fühlt sich an als habe man mich in einen Katastrophenfilm transferiert. Stehe ich da wirklich vor leeren Toilettenpapierregalen? Roland Emmerich hätte ich das nicht geglaubt. Oder ist das Versteckte Kamera und gleich springt einer hervor, der erklärt, sich das nur ausgedacht zu haben. Mein Kopf ist es so sehr gewohnt, in einer Welt zu leben, in der alles unter Kontrolle ist, existenzielle Fragen des Überlebens kommen nur in Filmen, Serien, in Geschichtsbüchern oder fernen Dokumentationen über die einst 3. Welt vor … nicht bei mir.

Weggewischt wird diese Illusion. Sie galt nie. Es war eine Gnade sie so lange erlebt zu haben. Aber die Trennlinie zwischen Kontrolle und Chaos war schon immer eine ganz schmale.

Diese Erkenntnis tut weh. Sie ängstigt mich sehr. Sie wirft mich zurück in ein tierisches Stadium, einer Ungewissheit ausgesetzt, die ich nicht vollständig beherrschen, nicht bestechen, zwingen, umdeuten und die mein Ende sein kann. Alte tierische Instinkte lauern in mir, die nach Kampf oder Flucht verlangen, sich im Supermarkt oder auf der Straße bemerkbar machen wollen. Ein jeder könnte potentieller Feind, da potentieller Überträger sein. Bei mir ist es sogar weniger die Angst vor dem Virus als dessen Folgen und was wohl geschehen kann, wenn die Krankenhauskapazitäten ausgeschöpft sind … und dann ich oder jemand von meiner Familie krank wird – Corona oder etwas anderes – was wenn die Lieferketten durch Grenzschließungen zusammenbrechen, was wenn …

In den letzten Tagen bricht aber noch etwas anderes aus meiner Tiefe hervor. Jede Krise wischt Illusionen fort und macht offenbar, was wirklich ist. Mein Glaube erwacht wieder stärker. Er ist es auf den ich im Letzten fallen kann. Zweifelnde Fragen verlieren interessanterweise inmitten des erlebten Theodizees an Gewicht. Waren sie noch Kern als es theoretisch behandelt wurde, sind sie jetzt kaum noch Teil meiner Gedankenwelt, verdrängt vom tiefen Verlangen nach Gott, der mir einen Ausblick gibt. Heute habe ich den Livestream einer Nachbargemeinde gehört und habe dabei die Tränen nicht zurückhalten können bei den alten Liedern des Gesangbuchs, die noch Pest und Cholera kannten. Im Heiligen Geist verstummt der tierische Instinkt im Licht. Und so neige ich mein Haupt … und bete für mich und vielleicht auch stellvertretend für dich: „Hilf mir armem Sünder“.

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