Optimism Bias II

Obwohl der Depressive gefragt nach Risiken eine realistischere Einschätzung treffen kann, gilt er nicht als gesund. Genauso wahr ist nämlich Snoopys Beobachtung: Eines Tages werden wir sterben, aber an allen anderen Tagen werden wir leben.

Ein gesundes Gehirn muss nicht den Tag des Todes bestmöglich erwarten können. Es muss dafür gewappnet sein an all den anderen Tagen zu leben. Unsere manchmal etwas zu optimistische Erwartung schützt uns vor dem größten aller Fehler, den wir im Angesicht unserer Endlichkeit tun können: Wie die Maus vor der Schlange zu erstarren.

Hier kommt Religion ins Spiel, dem Leben insbesondere Auge in Auge mit der Gewissheit unseres Todes einen inneren Sinn und jedem Moment einen Wert zu verleihen. Religion auf die Illusion zu begrenzen greift zu sehr nach der Oberfläche. Religion in ihrem tiefsten Kern hat das Erwachen zum Ziel, das Entstarren der in die tiefe Leere des Schlangenmauls blickenden Maus.

Jesus von Nazareth bietet mir hierzu die paradoxeste Persönlichkeit. Er weint in aufrichtig, desillusioniertem Schmerz um den verstorben Lazarus, um ihn Minuten darauf zum Leben zu erwecken. Er verzweifelt ohne optimistische Wahrnehmungsverzerrung im Garten Getsemani, mit weit geöffneten Augen bewusst das kommende Leid der Folter und Kreuzigung wählend und kurz darauf in Qualen „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ rufend…gleichzeitig Sieg über den Tod propagierend und die Wiederauferrichtung des göttlichen Tempels am dritten Tage.

3 Kommentare zu „Optimism Bias II

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  1. Mir gefällt der Satz mit der in die Tiefe des Schlangenmauls blickenden Maus. Ein starkes Bild für intensive Gefühle. Aber der Schelm in mir fragt: Wird der Maus in diesem Moment das Entstarren mit Hilfe der Religion noch viel nützen?

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  2. Ich denke, es ist ein Unterschied, ob man ohne oder mit Hoffnung auf Leben gefressen wird. Insofern entstarrt christlicher Glaube, weil er nicht vor dem Nichts erstarren muss.

    Vielleicht gehört beides zusammen: das Weinen und das Hoffen. Jesus hat um Lazarus geweint, seinen eigenen Tod gefürchtet und zugleich um das Leben jenseits des Todes gewusst.

    Ich versuche, mir den Tod zum Freund zu machen. Aber vielleicht ist das illusorisch. Er bleibt der Feind – aber ein im Glauben besiegter. Oder mit Blick auf das kommende Leben doch ein Freund?

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